Deutschland, deine Rotweine, und die Frage nach Öko

Autor:
Thiemo Kausch
Thiemo ist Leiter des Marketing bei Lobenbergs GUTE WEINE. Ab und zu verlässt er das Büro, um mit Geschichten, Bildern und Videos für den Blog zurückzukommen.

Winzerstimmen – Holger Koch

Für uns bei Lobenbergs Gute Weine ist es wichtig, dass wir als Händler eine aufklärende und vermittelnde Position zwischen unseren Winzern und unseren Kunden einnehmen. Deswegen freut es uns ganz besonders wenn wir unsere Winzer direkt zu Wort kommen lassen können. Deswegen haben wir einmal Holger Koch aus Baden mit zwei Thesen konfrontiert und ihn nach seiner Meinung gefragt.

Die Thesen

These 1

Deutschland wird zum Rotweinland. Wie weit sind wir entwickelt? Wie schlagen sich deutsche Rotweine im internationalen Vergleich – wo liegen die Stärken? Inwiefern spielt die Klimaerwärmung eine Rolle und was bedeutet sie für die Zukunft des Weinbaus in Deutschland?

 

These 2

Weingüter mit Ökozertifizierung arbeiten besser als ohne. Was ist dran? Warum verzichten Sie auf Ihre Zertifizierung? Die größten Nachteile der Auflagen?

Weingut Holger Koch

Die Antworten von Holger Koch

These 1

Die wärmeren Jahre kommen der Rotweinqualität in Deutschland entgegen. Ich sehe die Zukunft des Rotweins in Deutschland vor allem beim Spätburgunder. Im Vergleich zu den klassischen Rotwein-Ländern in denen es noch wärmer wird, hat Deutschland die Chance Weine mit feiner Kraft und filigraner Frische zu profilieren (Cool Climate Pinot Noir). Woanders wird es für Pinot Noir vielleicht schon langsam zu warm. Das Wissen der Winzer, die Breite des Angebotes und die Güte des Pflanzgutes – speziell bei Spätburgunder – hat stark zugenommen. Allerdings bremsen Kosten- sowie Preisdruck und der Druck zu hohen Hektarerträgen bei geringem Arbeitsaufwand die Entwicklung.

 

These 2

Weingüter mit Ökozertifizierung arbeiten nicht zwingend besser, schon gar nicht 2016. Es zeigt sich ein Bemühen um Individualität und Natürlichkeit, was aber allein nicht zu besseren Weinen führt. Die EU-Ökoverordnung ist in den letzten Jahren zu einem starren politisch-ideologisches Konstrukt geworden. Spätestens mit den Pilzinfektionen 2016, ist sie eine große Gefahr und ein existenzielles Risiko für Ökowinzer geworden. Auf EU-Ebene sind Ausnahmeregelungen unmöglich. Eher nimmt man den Ruin von Winzerbetrieben in Kauf. Einziger Ausweg ist heimlich Pflanzenschutzmittel einzusetzen. Wir betreiben Ökoweinbau, bei dem sinnvolle und notwendige Anpassungen/Ausnahmen möglich sind. Gerade im Hinblick auf Menge, Qualität und Ressourcenschonung. Wir halten es für schlimm wertvolles Kulturland, Arbeit, Maschinen und Betriebsmittel zu vergeudet werden, um Auflagen aus einem politischen Kuhhandel zu erfüllen.
 
Anders fällt der Vergleich aus mit konventionellem Standardweinbau unter Verwendung von Herbizid, Kunstdünger, Bioregulatoren und Spezial-Botrytiziden, die wir prinzipiell nicht verwenden.
Diese Vielzahl an intensiv in den Naturhaushalt eingreifenden Behandlungsstoffen, bergen die Gefahr einer Nivellierung. Da sind Ökoweine sicher individueller und geben authentischer das Terroir wieder.

Kommentar von Heiner Lobenberg:

Die Klimaerwärmung kann man an der Historie des Weins so gut wie fast nirgendwo anders ablesen. Denn man hat die Evolution in der Flasche und das Gedächtnis sowie Aufzeichnungen der Winzer. In meiner 25-jährigen Tätigkeit als Weinhändler habe ich den deutschen Weinbau meiner Meinung nach in seiner besten Periode kennengelernt. Es war Ende der 90er als allmählich die ersten trockenen Rieslinge erzeugt werden konnten, die Weltniveau hatten. Damals war man stolz solch trockene Rieslinge, mit derartiger Kraft und Vielschichtigkeit erzeugen zu können. Reife erzielte man nicht immer. Das Motto war je mehr Oechsle, desto besser. Man war stolz auf hohe Mostwerte. Schon jetzt, wenige Jahre später und mit der Lancierung der Großen Gewächse versuchen alle Top-Winzer früher zu lesen und noch mehr Eleganz in den Wein zu bringen. Immer lieber ein halbes Volumenprozent weniger Alkohol als mehr. Und genauso verhält es sich beim Rotwein. Der Spätburgunder konkurriert mit einigen der feinsten Grand Crus des Burgunds, bleibt dabei aber preislich attraktiver, gewinnt sogar stellenweise. Gerade die Pinots von Holger Koch zählen zu den elegantesten Vertretern. Sie profitieren von der Wärme des Kaiserstuhls aber auch den Lagen in Seitentälern mit guter Belüftung, kalten Winden und können in einer Blindprobe schnell mal für einen Wein aus dem Burgund gehalten werden. Das alte Weltbild der Weinwelt muss überdacht werden! Auch wer einmal Syrah von Ziereisen, Blaufränkisch von St. Antony oder Cabernet Sauvignon von Volker Schmitt probiert hat weiß, dass die Stärke Deutschland als Weinbaunation im Rotwein liegen kann. In den wärmeren Anbauzonen im Süden kämpft man schon mit Bewässerung gegen trockene Jahre an. Die besten Trauben wandern immer höher um Frische und Eleganz zu bewahren. Deutschland ist da bestens gelegen. Als kälteste Anbauzone spielen wir aktuell den Trumpf der Cool-Climate-Karte aus – wie man eindrucksvoll an Winzern wie Holger Koch sehen kann. In Zukunft produzieren wir dann vielleicht sogar jene legendären Weine, wie sie „früher“ einst im Bordelais, Burgund und Rioja erzeugt wurden.