Die Frage nach der Weinbewertung

Autor:
Thiemo Kausch
Thiemo ist Leiter des Marketing bei Lobenbergs GUTE WEINE. Ab und zu verlässt er das Büro, um mit Geschichten, Bildern und Videos für den Blog zurückzukommen.

Sie fragen, Lobenberg antwortet: Frage #2.

Jeden Tag nutzen viele unserer Kunden die Möglichkeit Heiner Lobenberg nach seiner Meinung oder einer persönlichen Weinempfehlungen zu fragen. Die Fragen reichen dabei von eher allgemeinen Formulierungen bis zu detailreichen Szenarien. Es freut uns zu sehen wie aktiv und mit welcher Begeisterung unsere Kunden sich mit dem Thema Wein auseinandersetzen. Deswegen werden wir zukünftig die spannendsten Fragen in unserem Blog veröffentlichen – damit alle daran teilhaben können.

Für die zweite Folge der neuen Blog-Version von „Sie fragen, Lobenberg antwortet“ haben wir die Frage von Heinrich Werner K. ausgewählt.

Sie fragen:

Sehr geehrter Herr Lobenberg,

ich habe eine Frage zur Bewertung des Clos Manou 2015, der von Ihnen sehr gut bewertet wird, im Gegensatz zu Robert Parker, James Suckling und anderen, die höchstens durchschnittliche Bewertungen abgeben. Wie kommen derart krasse Bewertungsunterschiede zustande?

Mit freundlichen Grüßen
Heinrich Werner K.

Lobenberg antwortet:

Lieber Herr K.,

es erreichen mich immer wieder spannende Fragen von meinen Kunden, häufig auch zu meinem und anderen Bewertungssystemen. Eine aktuelle Frage, die berechtigt ist, weil Sie als Endverbraucher keine Chance haben die Primeurweine zu verkosten. Deshalb brauchen Sie enormes Vertrauen in die Verkoster. Schließlich sind das die wenigen Orientierungspunkte, nebst den Eindrücken vergangener Jahrgänge. Man kauft also nicht blind, aber sozusagen nur mit einem Auge!

Selbst anerkannte und scheinbar objektive Weinjournalisten wie Jens Priewe oder Robert Parker sind nicht objektiv. Sie bewerten auf jeden Fall immer auch relativ und mit Vorlieben für Jahrgänge (manche Journalisten hatten schon vor der GG-Probe eine Aversion gegen 2013), Regionen und Sympathien für Winzer. Ich selbst will und werde nie objektiv sein können! Ebenso wenig wie der ebenfalls nur von seiner Begeisterung getragene Weinfreund Max Gerstl. Klar ist aber: Wir verkosten mit viel Herzblut und großer Leidenschaft – Weine und Winzer sind unser Leben! Wir schreiben beide subjektiv, aber NIEMALS Weine hoch, nur weil wir sie verkaufen müssen. Das haben wir beide nicht nötig und es entspricht absolut nicht unserer sehr offenen und subjektiv wahrhaftigen Art.

Weine, die mich nicht begeistern oder berühren, kaufe ich nicht – das ist doch ziemlich einfach. Sie können deshalb keinen Wein mit 80 Punkten bei mir finden. Oder schwache Weine eines schwierigen Jahrgangs. Die trinke ich nicht, und was ich selbst nicht gern trinke, kaufe ich nicht ein. Und biete ich nicht an. Lieber lasse ich hier und da einen Jahrgang aus oder trenne mich ab und zu auch von einzelnen Weinen oder ganzen Erzeugern, die meinem Geschmack nicht mehr entsprechen, sich verschlechtern und meine Qualitätsanforderungen nicht mehr erfüllen.

Was den Clos Manou angeht, so handelt es sich hierbei um einen Wein, der mich enorm fasziniert hat. Ich schätze ihn als exzellent ein und das auch im Kontext. Denn dieser Haut Medoc liegt nur knapp über 20 Euro, also weit entfernt von den Spitzenpreisen der sogenannten „Blue Chips“. Clos Manou ist aber ein Überflieger – ein Château das man beobachten sollte. Hier tut sich was. Da ist etwas im Kommen. Manche sehen das eben immer etwas langsamer. Andere renommierte Kritiker wissen dies vielleicht auch schon, trauen sich aber nicht auch mal einen solchen Wein hoch zu bewerten.

Gestapelte Holzfässer
Clos Manou

Stephane Dieff ist ein extremer Winzer in Bordeaux, ein Qualitätsfanatiker. Schaut man sich die Arbeit im Detail an, erkennt man wenige Unterschiede zu den besten Erzeugern. Da steckt einfach enorm viel Know-how und Aufwand im Wein – was man auch schmeckt.

Weniger als 500g Lese pro Weinstock, wahnsinnig detailversessene Selektion am Sortiertisch. Eine perfekte Kombination aus aufwändiger Weinbergsarbeit und daraus resultierender Exzellenz im Keller. Clos Manou hat sich 2015 selbst getoppt, sogar den Jahrhundertjahrgang 2010 übertroffen. Das sind alles Dinge, die man nicht übersehen sollte und wenn ich dann vor Ort sämtliche Weine des Bordelais verkoste und ein solcher Wein manch Prestigecuvée toppt, kann ich einfach nicht ignorierend dastehen.

Parker, Suckling und Co. sind renommierte Verkoster. Sie haben eine Marktmacht und können Preise verändern und lenken. Neil Martin verkostet dieses Jahr Primeur im Namen Parkers, ist ein anderer Charakter, den ich persönlich nicht ganz so konstant einschätze. Vielleicht ist er etwas schüchtern, schließlich tritt er in die Fußstapfen des weltweit bekanntesten Kritikers. Da ist es einfacher zunächst etwas temperamentloser ranzugehen. Suckling ist ein verlässlicher Kritiker. Manche bemängeln seine hohen Punkte, aber dafür hat er eine gute Konstanz. Man kann gut herauslesen ob einem der Wein zusagt oder nicht, und darum geht es am Ende. Aber Suckling ist nicht der große Entdecker unter den Kritikern. Ich denke, bei mir kann man ebenso sehr gut spüren, wann ich nach all den Jahren noch pure Begeisterung verspüre und wann nicht. Beim Clos Manou sollte man keine Zweifel haben!

Herzliche Grüße
Heiner Lobenberg

Die Weine zum Beitrag
Château Clos Manou Cru Bourgeois, 2015, Frankreich - Bordeaux
0,75 l
28,67 €/l