Domaine Jean Grivot - Vosne-Romanée 2012

Autor:
Alex Brunel
Alex ist der zweite Autor des Blogs "CorkBordell". Immer auf der Suche nach dem "geilsten" Tropfen. Die meiste Erfahrung hat er in Bordeaux, Côtes du Rhône und Bourgogne. Aber er sei kein Kostverächter und trinke sich inzwischen durch die ganze Welt.

Wie komme ich zu Lobenberg?

Irgendwie habe ich einen Hang zu spezialisierten Winzern und identisch verhält es sich online bei Weinshops. Einer davon ist Lobenbergs GUTE WEINE und das coole daran ist, dass der Name Programm zu sein scheint.

Mittlerweile haben auch die 90er ihre Webseite zurückbekommen, denn diese kommt seit kurzem im neuen Gewand daher. Angenehm ist, dass sie wie früher nicht auf übertriebene Grafiken und stylische Motive setzen, denn hier geht es um das Wesentliche – den Wein. Ich habe das Gefühl, dass sie ihr Produkt wirklich leben, denn egal wohin ich scrolle, hier gibt es nur geiles Zeug.


Domaine Jean Grivot

Wie der Zufall so wollte, landete ich beim Stöbern bei einem Burgunder aus Vosne-Romanée von Jean Grivot. Vosne-Romanée, allein der Name. Seit es Wein im Burgund gibt, ist dies ein Wallfahrtsort für die völlig hoffnungslosen Fälle von Pinot-Sucht. Wer in diesem unscheinbaren Dörfchen einkauft, ist zwingend Hardcore Burgunder Fan, denn seit Jahrhunderten ist dies der Quell der meistgesuchten und vor allem teuersten Pinot Noirs auf diesem Planeten. Kleines Beispiel gefällig? Googelt doch mal die Flaschenpreise der Domaine Romanée-Conti. Wahnsinn.

Bei meiner Recherche nach Jean Grivot zeigte sich, dass eben diese Domaine Romanée-Conti ein direkter Nachbar von Jean Grivot ist. Ob der Glanz eines der berühmtesten Weingüter der Welt auf ihn abfärbt? Also schnell die Flasche geordert und ausprobiert.

Wenn ich Weine in diesem Preissegment bestelle, zelebriere ich den Moment des Genusses bis zum Äußersten. Im Gegenzug erwarte ich allerdings ein kleines Erlebnis, das ist sozusagen mein Preis für den Flaschenpreis.

Etwa eine Stunde zu früh öffnete ich die Flasche, was sich trotzdem als zu spät herausstellen sollte - dazu aber im letzten Abschnitt mehr. Schon beim Einschenken offenbart sich die bräunliche Farbe des Spätburgunders, was erfahrungsgemäß ein hervorragendes Zeichen ist. Meine Nase signalisiert mir, dass hier ein mittelschwerer Skandal im Glas wartet. Oh mein Gott, er wirkt wie eine alte Holzscheune, in der Tabak, Schokolade und Himbeeren lagern.

Nach dem ersten Schluck weiß ich, was diesen Vosne-Romanée Kult ausmacht. Wohlgemerkt, ich habe hier einen Einstiegswein im Glas, von dem sich die meisten Spätburgundererzeuger eine dicke Scheibe abschneiden könnten. Die Aromen der Nase finden sich allesamt wieder, gepaart mit nassem Waldboden, Pilzen und grünen Kräutern. Die Säure ist noch recht präsent, aber so ist das halt im Burgund: hier lässt man auch Einstiegsweine 15 Jahre im Keller liegen.

Wie eingangs erwähnt war eine Stunde Sauerstoffalterung für den Grivot Vosne-Romanée etwas knapp bemessen, denn nach einer weiteren halben Stunde war er endlich voll da. Diese intensive Himbeere im alten Kleid macht mich nun vollends fertig und setzt sich nach dem Schlucken ewig an meinem Gaumen fest. Ich glaube, dass ich endlich erlebt habe, was im Weinjargon mit ‘Länge’ gemeint ist. Jetzt habe ich es, mein Erlebnis und danke Jean Grivot von Herzen. Wo Licht ist, ist allerdings auch Schatten: das Zeug macht süchtiger als Heroin und ich beginne im Ansatz zu erahnen, weshalb Anhänger der Burgundersekte bereit sind, ihr Monatsgehalt für eine Flasche Eleganz zu opfern.