Down Under:
Heiner Lobenberg in Neuseeland

Autor:
Heiner Lobenberg
Heiner ist der Gründer und Chef von Lobenbergs Gute Weine. Als Jäger und Sammler und Wein-Trüffelschwein ist sein Ziel, den Kunden die beste und interessanteste Weinauswahl in Deutschland zu bieten. In seinem Blog erzählt er interessante und schöne Geschichten von großartigen Weinen und Winzern.

Es gibt kaum ein Weingut in meiner Ansammlung großartiger Winzer, das ich nicht irgendwann persönlich besucht habe. Selbst Australien und Kalifornien, ja, auch Libanon, Israel, Syrien, Griechenland habe ich geschafft. Aber NZL, Kiwi-Land? Aber jetzt! Eine Motorrad-Rundreise zu meinen Weingütern auf der Südinsel. Allein, jeden Tag auf dem Hobel, das ist doch mal eine wirklich individuelle, andere Reise.

Und da bin ich, Felton Road Vineyards, Biodynamiker nähe Queenstown, mittlerer Südwesten. Klein, 35 Hektar Reben ohne je geplanten Zuwachses, nur 150 Tsd. Flaschen. Etwas größer als mein Superstar der Nordinsel Kumeu. Bestes Klima der Südinsel, wenig Regen, lange schöne Sommer, und Schnee & Skilifte im Winter. Genau liegt Felton Road in Bannockburn, opposite of Cromwell, der Goldgräberhochburg. Ab 1991 gepflanzt, das erste Weingut hier. Viele hundert Meter hoch, Schnee und Frost im Winter. 45. Breitengrad Süd. Wie Bordeaux im Norden. Aber nur 330 mm Regen im Jahr und mangels Regen Zeit in Dosen zu ernten wann immer man will. 40% mehr UV-Strahlung als Europa, also fett viel Photosynthese. Physiologische Reife mit Garantie! Richtige Sommer mit 30 Grad, aber nur 5 Grad nachts, in der Erntezeit sogar runter bis auf 2. Blair, der mitbesitzende Winemaker, hat im Burgund und den USA gelernt. Ein Supertyp, total geerdet. Alles passiert im Weinberg, danach Hände weg im Keller – eine gute Devise.

Die Böden Löss und Sand auf Schiefer, dazu Quartze und alle durch die Eiszeiten gelöste und gemahlene Bestandteile von Kalk-Kreide-Böden. 80% wurzelechte Pinot-Noir-Klone aus dem Burgund, etwas USA, etwas Schweiz. Die letzten 10 Jahre nur Selection Massale aus den besten Anlagen. Dazu seit 2000 ganz Biodynamie, 30 hl/ha, max. 1 Kilo pro Pflanze.

Chardonnay Direktpressung, Fermentation und Malo im 70% gebrauchten Barrique. Ausbau ohne Batonnage nur im Holz, Abfüllung ungefiltert. Später vor der Abfüllung eine reine Fass-Selektion der Block-2-Schattenseite auf Schiefer und Block-6-Sonnenseite mit fetteren Böden. Das Beste als Lage abgefüllt, der Rest ist Bannockburn Chardonnay. Extrem lecker, irgendwo zwischen Rully, Pouilly-Fuisse und Norditalien, alles passt, everybodys Darling. Block 2 ist eine Offenbarung. Neuseeländischer Chardonnay ist für mich Chassagne Montrachet 1er Cru meets Chablis. Das passt schon verdammt gut! Block 6 ist mir aber zu dick, da müssen sie noch mit Schalen und Rappen experimentieren, das braucht mehr Rückgrat!

Pinot Noir auf Schiefer und Quarzite/Salze/Mineralien wie Kalkstein. Immer 25% unentrappt. Auch Pinot zu 80% wurzelecht, Burgunderklone und jetzt Selektion Marsalle. Nur 30 hl/ha. 5000 Stöcke. Es sollen mal 10 Tsd. werden. Und doch sind die 4 Weine aus 3 Lagen sehr unterschiedlich. Auch hier wie sonst nur bei Ridge in Santa Cruz/Californien eine reine Fassauswahl nach dem Ausbau zu 30% in neuem Holz. Der Rest ist dann immer – wie schon beim Chardonnay, der geschmeidig leckere Zweitwein Bannockburns – Burgund meets Baden. Dann die 3 Lagen: der Star-Block 3 auf Schiefer, neben dem Chardonnay-Block 2. Stilistisch Molitor Mosel mit Aloxe Corton gemischt. Power, schwarzfruchtig, etwas bitter, braucht Zeit. Entfernter und trotz 20 Jahren Bewirtschaftung erst jüngst im Besitz ist der Calvet, ein Pinot wie ein Volnay, mein persönlicher Superstar. Der Block 5 genannte Wein ist mir dagegen, wie der Block 6 beim Chardonnay, zu undefiniert.


Der Besuch bei Cloudy Bay in Blenheim gestaltete sich erst komplizierter, dann viel einfacher als erwartet. LVMH, seit 20 Jahren Käufer und Besitzer dieses für NZ-Verhältnisse alten Urgesteins und Flagships neuseeländischen Weinbaus, war konzernartig nicht kurzfristig in der Lage etwas zu arrangieren. Also hin mit meinem Motorrad: Überfall. Vor Ort totale Flexibilität. Louise, die Logistikchefin, gab mir eine Privatführung inklusive Kompletttasting. Super für einen 3,5-Millionen-Flaschen-Betrieb. Dann kam noch der Cellarmaster dazu und ruckzuck war es kein Konzernbestandteil mehr, sondern eine größer gewordene Boutique-Winery – mit zum Teil tollen Weinen.

Der Basis Sauvignon Blanc ist für mich nach Craggy Range der beste seiner Art. Die Barrique-Version Te Coco braucht aber noch Jahre um das neue Holz zu verdauen. NZ-Sauvignon muss man mögen wegen der intensiven Frucht, Stachelbeere, Brennnessel, Gras. Weltweit ist NZ meiner Meinung nach aber nur im Chardonnay und Pinot Noir ein Wettbewerber der Spitzenklasse, im Sauvignon Blanc ist die Loire, Bordeaux, Steiermark und Pfalz von hier nicht angreifbar.

Der vom Holz geküsste Chardonnay ist sehr ausgewogen und lecker, auch wenn Felton Road aus Central Ortago und Kumeu von der Nordinsel einfach andere, höher Maßstäbe setzen – sogar für weniger Geld. Das gilt auch für die 3 sehr guten Pinot Noirs. Felton Road bläst diese sehr harmonischen Weine einfach weg, auch wenn der von Cloudy jüngst eingeführte Pinot Noir aus Central Ortago schon zum Besten der Südinsel gehört.

Sehr spannend und lecker gelungen sind die Sparklings – in NZ spitze. Aber meine besseren Cremants und Einstiegschampagner lassen sie kaum wettbewerbsfähig erscheinen.

Summa summarum ein tolles Weingut mit überzeugenden Weinen. Alles sehr respektabel für einen Großbetrieb so wie Torres in Spanien oder Antinori in Italien. Brands, Marken mit Qualität!
Aber wenn das alles wäre und die Spitze des qualitativen Eisbergs, ich wäre sicher nicht Weinhändler geworden. Trotzdem Chapeau.

Froh bin ich jetzt um so mehr mit Craggy, noch besser Kumeu und vor allem mit dem NZ-Superstar Felton Road zu arbeiten – da geht das Herz ganz anders auf.


Dog Point

Manchmal bin ich selbst überrascht, wie sehr ein persönlicher Besuch doch Sachen in Bewegung und Veränderung mit sich bringen kann – und das bei durchaus provokanter Ansprache...

Dog Point, ein Weingut in Marlborough (Cloudy Bay) hinter dem wir nun schon 2 Jahre herrennen. Selbst unser Katalog und der Verweis auf die direkte Zusammenarbeit mit den anderen Superstars Felton Road und Kumeu brachte keinen Durchbruch. Jetzt habe ich sie einfach auf meiner „60th-Birthday-Motorradtour“ ohne Vorwarnung besucht. Matt Sutherland, Besitzerfamilie und der verantwortliche Winemaker nahmen sich einen ganzen Nachmittag Zeit.

Dog Point Betreiberfamilie

Flaschenprobe (bei der ich provokant fallen ließ, dass ich basic NZL Sauvblancs mit Stachelbeere und Grasigkeit langweilig finde): Der 2016er SB war aber etwas besser als Cloudy oder Nautilus oder Giesen. Der Barrique Sauvignon Blanc Section 94 (das Land wurde von den Behörden in Sections eingeteilt und meistbietend an Winzer verkauft), immerhin über 25 Jahre alte Reben in gebrauchtem französischen Holz fermentiert, kam aber schon heran an Europa – eifert den Vorbildern der Südsteiermark und der Loire nach. Sehr konzentrierter und anspruchsvoller Stoff! Der Chardonnay liegt zwischen Pouilly-Fuissé und Macon, wetteifert mit Kumeu um Platz 2 hinter Felton Road Block 2. Der Pinot Noir ist super! Gaaaanz anders als Felton, weniger Burgund 1er Cru, eher zwischen Molitor und Fritz Becker, viel Holunder und kleine schwarze Beeren, Rauch, Maulbeere, ganz spannend!

Das Weingut entstand Ende der 70er, eines der ersten hier. Tolles Investment ohne Geld, 600 Hektar Weingrower und reiner Traubenverkauf, die zwei Besitzer arbeiteten parallel als Head-Winemaker auf Cloudy Bay. Erst Ende der 90er war soviel gespart, dass sie die besten 80 Hektar zu Dog Point machten. Das beste Terroir und die ältesten Reben. Vorbild: Burgund und Loire.

80% der auf 35-50 hl/ha limitierten Erntemenge bei 5.000 Stöcken pro Hektar (die drei Crus Chardonnay Pinot Noir und SB Section 94 machen zusammen nur unter 20% der 500 Tsd. Flaschen Gesamterzeugnis aus bei 35 hl/ha) gehen auf basic Sauvignon Blanc.

Dog Point ist das räumliche Bindeglied von Felton und Kumeu – es liegt in der Mitte. Der einzige Superstar Marlboroughs noch klar vor Hans Herzog, und für mich der dritte Superstar NZLs im Bereich Pinot und Chardonnay. Craggy ist mehr auf Syrah und SauvBlanc. Das oft genannte Nelson-Weingut Neudorf (auch besucht) spielt eine Liga tiefer.

Das alte Gründungs-Weingut von Dog Point wurde übrigens inzwischen renoviert und zum besten Restaurant NZLs gemacht. Die ambitionierten Pächter könnten mit dem „Arbour“ auch in Europa mithalten.

Tolles Land, tolle Menschen, und einige wenige außergewöhnliche Weingüter und Weine. Wäre die Welt überall wie New Zealand, dann gäbe es sicher keine Trumps und Erdogans. Alles sehr relaxed, tolerant und miteinander hier.