Eine Legende - Bruno Giacosa

Autor:
Marc Dröfke
Wein ist für Marc ein Hobby, das er allerdings mehr als ambitioniert betreibt. Woher der Wein dabei genau kommt, ist nicht so wichtig. Er sollte nur seine Herkunft nicht verleugnen. Nebenbei schreibt Marc noch für Originalverkorkt.de.

Es gibt diese eingängigen Momente im Leben eines jeden Weintrinkers, wo bereits nach dem ersten Riechen und dem anschließenden ersten Schluck klar ist: Wow, das, was sich da im Glas befindet, ist großer Wein. Es fährt einem in Mark und Bein, man ist wie elektrisiert und verfällt (zumeist) in andächtiges Schweigen. Es sind Erlebnisse, die sich wortwörtlich ins Gedächtnis einbrennen. Wenn ein Winzer dies bei einem Konsumenten geschafft hat, kann er äußerst zufrieden mit sich sein, denn solche einzigartigen Eindrücke kreieren zu können, vollbringt nicht jeder.

Einen solchen Gänsehautmoment schuf Bruno Giacosa mit seinem 1989er Barolo Riserva Falletto di Serralunga d´Alba bei mir. Es war im Februar 2014, als in einer privaten Weinrunde eine Barolo-Verkostung anstand. Die Weine an diesem Abend präsentierten sich alle auf extrem hohem Niveau. Wir tranken u.a. 1990 Vigna Colonnello von Aldo Conterno, 1989 Barbaresco von Angelo Gaja und 1971 Monfortino von Giacomo Conterno. Einer stahl diesen ganzen Superstars aber die Show. Das legendäre "Etichetta Rossa" von Giacosa aus meinem Geburtsjahrgang 1989 war ein Wein, bei dem einfach alles passte. Komplexität, Eleganz, Power und Länge in einer perfekten Harmonie. Superlativen werden in der heutigen Weinsprache leider viel zu häufig benutzt, hier waren sie aber angebracht.

Seit dem 21.01.2018 weilt diese Legende piemontesischer Winzerkunst nicht mehr unter uns. Bruno Giacosa starb an diesem Sonntag im Beisein seiner beiden Töchter Bruna und Marina in Alba. Zeit zurück zu schauen auf ein Leben, das ausschließlich vom Wein bestimmt wurde.

Das Leben des Bruno Giacosa

Bruno Giacosa wurde 1929 in Neive geboren. Die Familie befasste sich damals schon relativ lange mit Wein. Es gibt historische Belege dafür, dass die Giacosa Familie bereits im frühen 19. Jahrhundert Wein produzierte. Giacosas Vater Carlo war allerdings nicht mehr zu 100% selbst Weinmacher, seine Aufgabe bestand in der eines Commerciante. Er kaufte Trauben von kleineren Produzenten und Familien der Region, um sie später an die großen Abfüller wie Borgogno, Pio Cesare oder Serafino weiter zu geben. Nichtsdestotrotz produzierten und verkauften die Giacosas weiterhin einen kleinen Teil Fasswein selbst. Als Bruno Giacosa mit bereits 16 Jahren in das Familiengeschäft einstieg, lernte er durch die vielen Besuche der unterschiedlichen Weinberge/-lagen die besten Plots schnell kennen. Es wurde ihm im späteren Alter nachgesagt, er könne allein am Geschmack der Trauben, die jeweilige Lage erkennen.

Mit der Zeit wuchs in ihm der Wunsch, seinen eigenen Wein abzufüllen, so wie es die Familie in den Jahrzehnten zuvor praktizierte. Das war so gar nicht im Sinne des Vaters. Er meinte, sein Sohn würde in einen Interessenkonflikt laufen. Denn wer würde in Zukunft die besten Trauben bekommen? Die großen Abfüller, die bereit waren für die Ware ordentlich zu zahlen? Oder das neu geschaffene Weingut Giacosa? Dem jungen Bruno war das egal. Mit eiserner Entschlossenheit ging er seinen eigenen Weg. Im Jahre 1961 füllte er mit dem Barbaresco Riserva seinen ersten Wein ab. Bei guter Lagerung muss der Wein sich immer noch herausragend zeigen. Im ersten Jahrgang bereits einen solchen Wein abzufüllen, gelingt nur ganz wenigen Winzern. Mir fällt dazu Klaus-Peter Keller ein, der mit seinem G-Max 2001 ebenfalls gleich ein Ausrufezeichen setzte.

Bis in die Mitte der 60er Jahre kamen die Barolo und Barbaresco von Giacosa aus verschiedenen Lagen, um sie in einer finalen Blend zusammenzuführen. Eine Methode, die von Traditionalisten wie Maria Teresa Mascarello (Bartolo Mascarello) oder Mauro Mascarello (Giuseppe Mascarello) noch heute angewandt wird. Dabei wird versucht die Stärken der verschiedenen Lagen (eine bringt mehr Struktur, die andere mehr Frucht) in eine optimale Balance zu bringen. Giacosa ging nach kurzer Zeit - wie so häufig - einen anderen Weg. Er war einer der ersten, der mit dem 1964er Barbaresco Riserva Speciale Santo Stefano eine Einzellagenabfüllung auf den Markt brachte.

Traditionalist? Innovator!

Bruno Giacosa wird heute fälschlicherweise häufig in das Feld der Traditionalisten gesteckt. Nebst den „Single-Vineyards“ Abfüllungen führte er sehr früh neben der Vergärung im Holz auch die Temperatur gesteuerte Fermentation im Edelstahl ein. Er bewegte sich weg von der so populären slawonischen Eiche und favorisierte stattdessen französisches Holz. Allerdings großes Holz, nie kleine Barriques. Weiterhin hielt er nicht viel von einer generellen langen Lagerung im Fass (wie es bspw. im Weingut Giacomo Conterno mit dem "Monfortino" bis zum Exzess und in Perfektion getrieben wird) sondern befand, unterschiedlich von Wein zu Wein, auch mal ein längeres Flaschenlager für deutlich sinnvoller. All diese Fakten sprechen für einen Innovator, der seiner Zeit voraus war, bereit Konventionen über Bord zu werfen und sich nur auf den eigenen Wein konzentrierte.

1982 erwarb Bruno Giacosa einen kompletten Weinberg in Serralunga. Wie andere Spitzenwinzer auch, wollte er sich von den Traubenlieferanten unabhängig machen und die absolute Kontrolle über jeden Schritt bei der Entstehung seiner Weine gewinnen. Dieser Prozess scheint in den letzten Jahren zum Abschluss gekommen zu sein, denn seit dem Jahrgang 2013 stammen nun alle Barolo und Barbaresco aus eigenen Weinbergen. Aus der Lage in Serralunga und vor allem aus dem Herzstück dem "Rocche die Falletto" sind seitdem viele Weinmonumente entstanden.

Die letzten Jahre

Bruno Giacosa holte im Jahre 1992 einen Mann namens Dante Scaglione in sein Team, der sich bereits seit einigen Jahren mit der technischen Analyse der Giacosa Weine in einem naheliegenden Labor beschäftigte. Er wurde zu einer festen Größe im Weingut und übernahm zunehmend die Aufgabe des Weinmachers. Er war sicherlich mit für die herausragenden Weine der späten 9

0ger und frühen 2000er verantwortlich. Scaglione verließ das Weingut im Jahre 2008, kehrte aber im Jahr 2011 als Mitarbeiter und Berater zurück.Entscheider, welche Weine auf die Flasche kommen, war aber immer Bruno Giacosa. Und so wurde im Jahr 2006, ein Jahr in dem Bruno Giacosa aus gesundheitlichen Gründen gehandikapt war, kein Barolo gefüllt. Ihm gefielen die Weine schlichtweg nicht. Diese Kompromisslosigkeit ist bis zum heutigen Tag das Fundament auf dem die Qualität der Weine von Bruno Giacosa fußt.

Seine Tochter Bruna ist nun schon seit vielen Jahren im Weingut involviert und führt es nach dem Tod ihres Vaters fort. Auch unter ihrer Führung wird die Azienda zu einem Fixpunkt im Piemont gehören.

Die Weine

Die Trauben für diesen Wein kommen aus einer Lage die Bruna Giacosa erst kürzlich für zehn Jahre gepachtet hat. Valmaggiore liegt in der Appellation Roero, welche in den letzten zehn Jahren einen enormen Qualitätsschub erfahren hat. Die Weinbergarbeit sowie die Vinifizierung erfolgt durch das Team des Weingutes. Da sich die Lage aber nicht im eigenen Besitz befindet, erfolgt die Abfüllung unter dem Label „Casa Vinicola Bruno Giacosa“. Im gesamten Roero Gebiet sind die Böden von Sand dominiert (wie im Barbaresco Asili ebenfalls), was zu eleganten, duftigen Weinen führt. Ideal für den typischen Giacosa Stil.

In der Nase viel duftige, rote Frucht in Form von Himbeere, roter Sauerkirsche und ein wenig Walderdbeeren. Daneben finden sich die typischen Attribute eines Barolo wie Veilchen und etwas Rose. Im Mund zieht sich die rote Frucht in intensiver, aber nie aufdringlicher Form fort. Die Gerbstoffe sind präsent aber wunderbar geschliffen und weich (auch das ein Vorteil des sandigen Untergrundes). Wunderbare Balance im Finish. Dieser „einfache“ Nebbiolo kann es sicherlich mit einigen Barolo aufnehmen. Ein toller Einstieg in die Welt des Nebbiolo.   >>> zum Wein

Asili gilt als vielleicht die eleganteste Lage im ganzen Barbaresco Gebiet und gilt definitiv als eine der besten überhaupt. In herausragenden Jahren, zaubert das Giacosa Team aus dem Asili einen Riserva, was in 2012 allerdings nicht der Fall war. Der Boden ist geprägt von Sand, was die Eleganz, die Finesse hervortreten lässt. Asili ist ein Wein, der sich bereits früh trinken lässt und nicht diese, für Nebbiolo typische, leichte Austerität aufweist. Die Giacosas besitzen einen eigenen Plot im Asili, weswegen die Abfüllung unter dem Domaine-Label „Azienda Agricola Falletto“ erfolgt.

Der Barbaresco Asili 2012 präsentiert sich ungemein duftig in der Nase mit einer Wolke aus roter Frucht, Nelke, Zimt, Abrieb einer Orange, einem Hauch von edlem Holz sowie den typischen Rosenblättern. Trotz dieser sehr offenen Nase, schwebt dahinter eine weitere Dimension der Tiefe, die sich erst mit etwas mehr Reife vollständig zeigen wird. Am Gaumen fällt zunächst die hohe, super elegante und toll eingebundene Säure auf. Die Tannine sind Asili typisch ultra fein. Nichts ist spröde oder fällt unangenehm auf. Der Wein besitzt einen eher mittleren Körper und endet in einem langen, tiefen Finale. Ein sensationeller, stylischer und seidig schwebender Barbaresco. Ein Traum, der sich mit Hochgenuss trinken lässt. Die perfekte Begleitung zur kurzgebratenen Entenbrust.   >>> zum Wein

Le Rocche ist die berühmteste, und neben Villero beste Lage in Castiglione Faletto, das Herz aller Barolo von Giacosa. Von hier kommt der Großteil der Domaine-Weine. Le Rocche wird in den besten Jahren, so auch in 2011, unter dem legendären roten Etikett, als Riserva abgefüllt. Schon in der Nase zeigt der Wein eine atemberaubende Komplexität. Den Kern bildet eine tiefe, rote Frucht aus roter Kirsche und Himbeere. Daneben finden sich Anklänge von Leder, hellem Tabak, asiatischen Gewürzen, welken Rosenblättern, etwas Teer sowie etwas Kamille. Am Gaumen baut dieser Riserva ungemein Druck auf, ohne dabei zu überpowern. Die Tannine sind da, aber so wunderbar eingebunden. Ein wahrlicher Säurestrahl trägt die erdige Frucht bis ins ewig dauernde Finale. Ein wahrlich großer Wein.   >>> zum Wein