Meiningers FINEST 100 International Wine Summit

Autor:
Marc Dröfke
Wein ist für Marc ein Hobby, das er allerdings mehr als ambitioniert betreibt. Woher der Wein dabei genau kommt, ist nicht so wichtig. Er sollte nur seine Herkunft nicht verleugnen. Nebenbei schreibt Marc noch für Originalverkorkt.de.

Wie heißt es bekanntlich immer so schön? Mit Superlativen soll man sparsam umgehen. Aber eben auch: Ehre wem Ehre gebührt. Und so sitze ich ein paar Wochen nach dem ersten Meininger FINEST 100 International Wine Summit an meinem Schreibtisch und die schiere Vielzahl der Weltklasse Weine die ich im November im Glas hatte schwirrt immer noch durch meinen Kopf.

Wo bitteschön ist es schon möglich die Legende Barolo Monfortino Riserva von Giacomo Conterno direkt neben dem bekanntesten Pinot-Noir-Produzenten dieser Erde, der Domaine de la Romanee Conti zu kosten? Deutschlands Spitze in Sachen Riesling neben Österreichs Blaufränkisch-Königen oder die Referenz für Schaumwein aus der Champagne direkt mit den italienischen Franciacortas vergleichen zu können. 
In Deutschland fällt mir kein vergleichbares Event ein.
Deshalb muss ich vorab vor dem Team um Christoph Meininger, Andrea Meininger-Apfel sowie Chefredakteur Sascha Speicher meinen Hut ziehen. Eine solch perfekte Organisation sieht man selten.
Die Entstehungsgeschichte ist schnell erzählt: Seit bereits 2013 richtet der Meininger Verlag ein jährliches Sommelier Summit aus, wo die besten Sommeliers der Republik direkt in Kontakt mit Spitzenwinzern kommen sollen, um deren Weine zu verkosten und die Philosophie dahinter besser kennenzulernen. Da lag die Idee einer großen Verkostung mit der geballten Kompetenz von Winzern, Sommeliers, Handel und Presse nahe. Bei der Winzer-Auswahl orientieren sich die Organisatoren an der Nachfrage in der deutschsprachigen Spitzengastronomie und Weibarszene. So ist es nicht verwunderlich, dass der Großteil der Winzer aus Deutschland und Österreich sowie den klassischen europäischen Anbaugebieten stammen. Man munkelt aber, dass sich 2017 auch Winzer aus dem schönen Kalifornien nach Neustadt aufmachen, um ihre Weine präsentieren zu können. Genug dem Palaver, lassen wir die Weine sprechen!

Nur wo ist ein geeigneter Startpunkt, bei einer Verkostung wo es eigentlich erstrebenswert ist alle Weine zu probieren? Naja, vielleicht da wo trotz einer solchen Qualitätskonzentration von Spitzenbetrieben alle hinwollen. Sogar die anwesenden Winzer selbst. Die Domaine de la Romanee Conti ist nicht nur für jeden Burgunder-Fan der Heilige Gral. Die Weine sind ultra rar und selbst für gut betuchte Weinfanatiker nahezu unerschwinglich.
Zu trinken gab es (denn es ist absolut frevelhaft diese Weine zu spucken) Echezeaux 2012, ein noch sehr junger, wilder, kräutriger Bursche, der natürlich sein unglaubliches Potenzial schon andeutete, aber noch vom neuen Holz und den mitvergorenen Rappen geprägt ist. Ganz anders der Romanee Saint Vivant aus dem gleichen Jahrgang. Viel weicher, schmeichelnder, femininer. Rote Frucht trifft auf Gewürznelken, Hagebutte, Zwetschge und florale Noten. Super fein in der Struktur und mit ordentlich Länge ausgestattet. Die Monopollage La Tache aus dem Jahrgang 2000 bildete den krönenden Abschluss dieses Trios. Vom Reifeverlauf entsprechend weiter als die beiden jüngeren Kollegen, zeigte dieser La Tache wo die Reise hingeht wenn diesen Weinen die Zeit zugebilligt wird, die sie einfordern. Wieder eine sehr elegante Klinge mit super feinem Tannin und roter Frucht, Waldboden, noble asiatische Gewürze und etwas Orangenzeste in der Nase. Keine Frage, absolute Weltklasse.

Ebenfalls Weltklasse präsentierte am Nebenstand Roberto Conterno vom Weingut Giacomo Conterno, nicht nur in Form seines legendären Riserva Barolos Monfortino aus 2001, der trotz seines Alters von 15 Jahren null Alterungserscheinungen zeigte und vor Komplexität nebst Kraft, Eleganz und Potential nur so strotze. Sein „normaler“ Barolo Cascina Francia aus dem Jahre 2005 kann ebenfalls mit frischer Frucht, Teer, Rosenblätter und einer lebendigen Säure überzeugen. Das merkbare, aber super fein polierte Tannin verrät, dass sich auch hier etwas Geduld auszahlen wird. Nicht nur in Sachen Nebbiolo ist Roberto Conterno in Piedmont das Maß aller Dinge, ebenso zählen seine Barberas zu den ausgewogensten ihrer Klasse, wie der 2013 Francia unter Beweis stellt. Viel rote Kirsche, Cranberry, ein wenig Himbeer-Joghurt aber auch feuchte Erde und Gewürze. Am Gaumen wunderbar frisch mit ordentlich Säure. Die 14,5% Alkohol sind dermaßen gut eingebunden, dass sie überhaupt nicht auffallen. Ein Paradebeispiel für diese Rebsorte.
Wir blieben im Piemont und bekamen bei Vietti mit dem Barolo Castiglione aus 2012 zunächst den Einstieg in das vielfältige Barolo-Sortiment des Hauses eingeschenkt. Der Unterschied zum zuvor probierten Conterno war deutlich erkennbar. Vietti produziert deutlich kraftvollere Weine, die eher auf einer dunkleren, tieferen Frucht daherkommen. Auch die Einzellage Ravera hat ordentlich Dampf unter der Haube. Anders als die anderen Einzellagen Crus bei Vietti, die aus Castiglione stammen, kommt dieser Wein von einem Weinberg der in Novello liegt. Wunderschöne Melange von roter Frucht (Sauerkirsche, Cranberry, etwas rote Johannisbeeren), weißem Pfeffer, Kalk, Teer und einem Hauch Rosenblätter. Unglaublich konzentriert aber dennoch fein. Braucht bestimmt 5-10 Jahre um das massive, polierte Tannin zu schlucken, dann wird das aber mal ein ganz ganz großer Wein.
Letzte Station im Piemont war der junge Luca Roagna der für seine Barbarescos bekannt ist. Mit seiner zumeist aus dem Jahrgang 2011 stammenden Kollektion unterstreicht er, dass die Vorschusslorbeeren nicht zu unrecht verteilt worden sind und setzt mit seinem 2007er Crichet Paje ein richtiges Ausrufezeichen. Ein unglaublich eleganter, geschliffener Einzellagen-Barbaresco, der erst am Anfang seiner Entwicklung steht.

Mit Tannin belegtem Mund lässt sich bekanntlich nicht sonderlich gut verkosten. Ein „Palate Cleaner“ musste her. Und so landeten wir bei Krug, deren weiches und mit super feiner Perlage ausgestattetes Grand Cuvee der wohl dekadenteste „Mund Putzer“ meines Lebens war.

Für mich eine Stufe höher anzusiedeln als der am Nebentisch servierte Cristal von Louis Roederer, welcher mir durch seine doch sehr hohe, rustikal wirkende Perlage nicht ganz so gut gefiel. Braucht wahrscheinlich einfach noch etwas Flaschenreife. Den Reigen der großen Champagner-Häuser beschloss Bollinger, die neben einem eher kräftigen Grande Annee aus 2005, den so noblen, feinperligen R.D. aus dem für die Champagne herausragenden Jahrgang 2002 präsentierten. Die Noblesse bekommt er unter anderem durch seine lange Lagerung auf der Flasche bevor es in den Verkauf geht.
Aber auch das Flaggschiff von Bollinger hatte keine Chance gegen die vor Persönlichkeit & Individualität strotzenden Champagner von Agrapart. Gerade der Venus blies jeden Konkurrenten geradezu vom Tisch. Ein unglaublich puristischer Stoff, der trotz seiner Eleganz und Feinheit einen gewaltigen Druck aufbaut. Aber nicht nur der beste Wein überzeugte, wie ehrlicherweise auch zu erwarten war, auf ganzer Linie. Mit dem Terroirs stellt Agrapart ebenso in der Mittelklasse einen Wein auf, der sehr vielschichtig ist.

Da kamen auch die Kollegen von Jacquesson nicht mit, die mit dem Dizy Corne Bautray aber einen in sich ruhenden, vollmundigen, präzisen Champagner der Spitzenklasse ablieferten.

Als nächstes verschlug es uns nach Österreich. Eine Weinbaunation die mir immer mehr ans Herz wächst. Mit den Gewächsen von Roland Velich hatten wir gleich zu Beginn absolute Schwergewichte im Glas. Eigentlich für seine Rotweine bekannt, zeigt Velich mit dem St. Georgen aus 2015 seine ganz eigene Interpretation des Grünen Veltliners. Ein Veltliner auf Zug, Rasse und schlanke Linie getrimmt. Nasser Stein, reifer Apfel und Zitronenmelisse bestimmen das Nasenbild. Die Kargheit setzt sich im Mund fort. Hier dominiert die Struktur, die Frucht nimmt sich zurück. Ein absolut grandioser Einstieg. Wenn auch kein ganz günstiger. Liebhabern von weißen Burgundern sei dieser Wein dennoch wärmstens zu empfehlen.
Über die Blaufränkisch von Velich muss eigentlich nicht mehr viel gesagt werden. Schon sein Einstiegswein Blaufränkisch Burgenland überzeugt mit einer tollen Frucht gepaart mit Frische, Eleganz und einer für dieses Preisniveau ungewohnten Komplexität. Diese Komplexität setzt sich im Reserve fort und gipfelt schließlich in den Einzellagenweinen Alte Reben Lutzmannsburg und Neckenmarkt. Weine mit unglaublicher Tiefe, die Zeit brauchen um sich zu entwickeln, dann aber eine Feinheit aufweisen, welche verblüffend an große Burgunder erinnert.
Auf diesem extrem hohen Niveau ging es am Nebentisch weiter. Uwe Schiefer überzeugte mich mit jedem seiner Weine. Speziell möchte ich den Blaufränkisch Eisenberg hervorheben, der in diesem Preissegment ein absoluter Kracher ist sowie sein in 2013 produziertes Erstlingswerk aus dem Lutzmannsburg. Ein ganz anderer Schiefer. Viel sehniger, engmaschiger und für mich noch präziser als der Reihburg 2012, welcher in seiner Jugend mehr über die Frucht kommt. Schiefers Szapary hingegen ist eine Ausgeburt an mineralischer Präzision und Feinheit. Das Bild rundet der Königsberg Alte Weingärten ab, welcher jüngst zum Rotwein des Jahres im Gault Millau gekürt wurde. Keine Frage, Uwe Schiefer liegt nach wie vor ganz weit vorne im Reigen um die Blaufränkisch Krone. Was besonders beeindruckt ist, dass jede Lage für sich und ihre Eigenarten steht, gleichzeitig aber die Handschrift ganz klar zu erkennen ist.

Blaufränkisch ist ebenfalls der Liebling von Franz Reinhard Weninger. Weninger setzt voll auf Biodiversität im Weingarten, fährt das Holz im Keller herunter und lässt seine Lagen sprechen. Das merkt man. Vielleicht die ausdrucksstärksten, eigenständigsten Blaufränkisch der gesamten Probe. Empfehlenswert sind ausnahmslos alle Weine. Wirklich ins Gedächtnis gebrannt hat sich mir aber der Kekfrankos (ungarisch für Blaufränkisch) aus der Lage Steiner. Unheimlich würzig & kräutrig. Ein Unikat.
Einen kurzen Blick warf ich auch auf den Salzberg von Gernot Heinrich. Eine Cuvee aus jeweils 50% Merlot sowie Blaufränkisch, welche mit Tiefgang, Dichte und Struktur zum Abwinken prädestiniert für eine lange Lagerung ist.

Ein kurzer Blick auf die Uhr und ein Knurren in der Magengegend verrieten, dass es mittlerweile schon 14:30 Uhr war. Nach einer kurzen Stärkung ging es sofort weiter, denn wir wollten unbedingt noch unsere einheimischen Gewächse verkosten. Durch den Zeitdruck beschränkten wir uns hauptsächlich auf die Großen Gewächse aus 2015. Los ging es in der Pfalz, genauer gesagt beim Weingut Reichsrat von Buhl, wo mit dem Jahrgang 2013 ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde. Mit Mathieu Kauffmann (Kellermeister) und Richard Grosche (Geschäftsführer) wurde ein Großteil der Führungsriege ausgetauscht. Kauffmann war zuvor lange bei Bollinger beschäftigt und hat die Marke in den letzten 20 Jahren vor seinem Wechsel zu dem gemacht was sie heute ist. Ein Franzose, der zuvor nur Schaumwein gemacht hat, in der Pfalz? Kann so etwas funktionieren? Und ob es das kann.
Das Forster Ungeheuer sowie der Pechstein aus 2015 waren, um es vorwegzunehmen, die besten Großen Gewächse, die ich aus der Pfalz probieren konnte. Während das Ungeheuer noch ein wenig Frucht in der Nase erahnen lässt, ist der Pechstein fast komplett verschlossen. Am Gaumen baut dieser Wein einen unfassbaren Druck auf, ist dabei aber staubtrocken mit einer laserartigen Säure, die ewig trägt. Dazu diese abgründige, dunkle Mineralität des Pechsteins. Ein wahrhaftig GROßES Gewächs. Er wird sicher einiges an Zeit brauchen um seine volle Pracht zeigen zu können. Das Potential ist in jedem Fall monströs.
Vergnügt berichtet Kaufmann nebenbei, dass er als Kellermeister höchstpersönlich selbst kaum Flaschen von dem Stoff abbekommen habe, da das Weingut ratzfatz ausverkauft gewesen wäre.

Nächster Stopp: Nahe. Dönnhoff stellt mit der Hermannshöhle 2015 sicherlich einen starken Bewerber für den Titel: „GG of the vintage.“ Kristallklare Frucht (weißer Pfirsich, rosa Grapefruit, etwas Orangenzeste), viel Kalk, mit einem Zug und innerer Spannung ausgestattet, die ihresgleichen sucht. Hinzu kommt eine sehr hohe aber wunderbar reife Säure, die beim Schlucken förmlich explodiert. Ganz große Klasse. Das Dellchen hat nicht ganz so viel Zug & Gripp. Wirkt aber fein & elegant, mit ebenfalls toller Säure.
Frank Schönlebers Halenberg ruht in sich selbst. Eine Tiefe & innere Dichte die Großes erwarten lässt, obwohl der Wein jetzt schon unverschämt charmant daherkommt.
Der Dritte im Nahe-Bunde ist Tim Fröhlich, der für mich die vielleicht kompromisslosesten Rieslinge ganz Deutschlands vinifiziert. Das Felseneck zeigt die berühmte Sponti-Nase, Schiefer, Kräuterwürze, nassen Stein, bei nahezu null Fruchtanteil. Vielleicht scheint ein klitzekleiner Hauch von Cassis durch. Das war es aber auch schon. Am Gaumen ein sehniger, drahtiger, extrem junger Wein mit einer fordernden, hohen Säure bei durchtrainiertem Body ohne ein Gramm Fett. Das ist „on the edge“, das muss man mögen. Ich liebe das. Wem es zu extrem ist nimmt den Felsenberg, welcher einen Hauch mehr Frucht und rundere Kanten liefert. Ebenfalls empfehlenswert ist Fröhlichs Spätlese Goldkapsel, die sehr gut den hohen Restzucker von 90 Gramm mit ihrer Säure abfedert. Ein gefährlich süffiges Exemplar dieser Prädikatsstufe, das nur so „trink mich“ ruft.

Den vorletzten Stopp legten wir bei Julian Huber ein, der mit seinen Chardonnays „Alte Reben“ sowie dem Bienenberg zwei Weißweine erzeugt hat, die den burgundischen Vorbildern schon sehr nahe kommen. Hier dominiert nicht die Frucht, sondern Frische (durch Säure), Reduktion und dezenter Holzeinsatz. Huber sagt dies sei erst der Anfang. Er will weiter die Frucht reduzieren, den Weinen noch mehr Drive & Fokussierung verleihen. Da kann ich nur zustimmend nicken. Auch die Spätburgunder spielen ganz oben mit. Deutlich auf der roten Frucht liegend, nur vom Holz geküsst, ohne jegliche Überreife. Ganz ganz toller Stoff. Unbedingte Kaufempfehlung.

Last but not least (mein Gott wo ist denn die Zeit hin!?) verschlug es mich an die Mosel. Da ich Maximin Grünhaus und Van Volxem schon bei der Veritable probiert hatte, zog es mich zum Weingut Markus Molitor wo „Außenminister“ Daniel Kiowski uns mit viel Witz & Charme einen Einblick in die extrem vielseitige Kollektion des Moselkünstlers gewährte. Überragend für mich die zwei probierten ***Auslesen aus der Zeltinger Sonnenuhr. Einmal die trocken Variante (weiße Kapsel) & fruchtsüß (goldene Kapsel) aus 2015 die mit so viel Saft, Zug, Länge und Präzision daherkamen, dass es eine wahre Freude war. Die ebenfalls fruchtsüße (goldene Kapsel) ***Auslese aus 2010 sowie eine eingeschobene feinherbe (grüne Kapsel) **Auslese aus dem Zeltinger Schlossberg von 2001 zeigten dann, dass diese Weine ewig reifen können.

Wie beendet man eine solche überragende Veranstaltung? Genau, mit einem Kabinett 2015 aus dem Graacher Himmelreich von J.J. Prüm. Diese schlanke, straffe Leichtigkeit gepaart mit aromatischer Dichte sowie einem monströsen Trinkfluss ist unerreicht in der Welt, und eine Kategorie Wein auf die wir in Deutschland zurecht stolz sein können.

Ein würdiges Ende eines tollen Events, das sich sicherlich als Fixpunkt in den Kalendern der Weinenthusiasten sowie Winzer einbrennen wird. Ich jedenfalls freue mich schon auf das nächste Jahr.