Nicolas Joly
– „Les Vieux Clos“ 2014

Autor:
Nils Lackner
Nils ist freier Sommelier, Mixologist, Dozent und Drink-Consultant. Als Veranstalter von Weinevents, Berater, Autor und Markenbotschafter, reist er von Sylt aus durch ganz Europa.

Wenn die Franzosen Dich kriegen

Champagner einmal ausgenommen bin ich eigentlich eher selten französischen Weinen ausgesetzt. Nicht, dass ich sie nicht mögen würde, mein Geschmack führt mich einfach immer wieder zum Riesling aus heimischen Gefilden. So bin ich entsprechend unerfahren, wenn es um die Weine der Loire geht. Natürlich habe ich schon Sancerre und Pouilly Fumé probiert und zu Austern auch gerne mal einen Muscadet Sèvre et Maine. Savennières Weine aber waren für mich komplettes Neuland, gerade auch, weil Chenin Blanc eigentlich nicht zu meinen Lieblingsrebsorten zählt. Wie sehr ich mich geirrt hatte!

Zum Jahresbeginn hatte ich ein paar Bekannte zu einem Weinabend geladen. Im Stil einer Bottle-Party, jeder bringt eine Flasche mit. Regionen waren nicht vorgegeben, jeder konnte bringen, was er mochte. Zwischen all den mir bekannten Flaschen tauchte eine eher unscheinbare auf. Les Vieux Clos von Nicolas Joly. Der Name des Winzers kam mir zumindest schon einmal bekannt vor, einer der großen Namen der Biodynamik. Aber im Glas hatte ich zuvor noch keinen seiner Weine gehabt.

Wir hatten uns für große Burgunderpokale entschieden, eine gute Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. Schon der erste Blick auf den Wein verrät, dass es sich hier nicht um einen alltäglichen Chenin Blanc handelt. Mit einer fast öligen Viskosität und dunkler goldgelben Note erinnert er eher an einen schwer geholzten Chardonnay. Das Bouquet ist betörend. Waldhonig, sehr reife gelbe Steinfrucht, Apfelmost, Quittengelée und ein Hauch Nagellackentferner verbinden sich zu einer Wolke Extravaganz. Wuchtig, aber nicht aufdringlich oder gar störend. Eher spannend! Erinnert mich stark an einige Orange Weine, ich würde definitiv auf eine lange Maischestandzeit tippen.
Am Gaumen gesellen sich noch weitere Aromen hinzu, geben dem Les Vieux Clos eine würzig wilde Note, die man von Chenin Blanc so gar nicht unbedingt erwartet. Nicht die viel besprochene nasse Wolle, für die die Rebsorte so bekannt ist, sondern tatsächliche Würze wie Wermut und Lebkuchengewürz. Dazu eine briochige Hefenote, wie man sie vom Millésimé Champagner kennt.
Die Säure gibt genügend Struktur, um das komplexe Konstrukt aufrecht zu halten. Frisch und präsent stärkt sie den Wein, ohne bissige Astringenz. Ein Hauch von roten Beeren und Zitrusfrucht kommt zu den ansonsten gelbfruchtigen und reifen Primäraromen dazu. Er hält sich lange, im Glas so wie am Gaumen. Sein Abgang ist zunächst geprägt von den kräftigen Frucht- und Würzaromen, doch immer schwingen die feinen eleganteren Töne wie Extraktsüße und Hefelager ergänzend mit.

Der Wein fasziniert, ohne gefallen zu wollen. Er bringt seine eigene ungewöhnliche Persönlichkeit so überzeugend rüber, dass man ihm seine polarisierenden Marotten gerne verzeiht, sie sogar charmant findet. Kein Wein für jeden Tag, aber definitiv einer, der mich in seinen Bann gezogen hat. Groß, außergewöhnlich, anders.