Rhône 2016:
Heiner Lobenberg wieder unterwegs

Autor:
Heiner Lobenberg
Heiner ist der Gründer und Chef von Lobenbergs Gute Weine. Als Jäger und Sammler und Wein-Trüffelschwein ist sein Ziel, den Kunden die beste und interessanteste Weinauswahl in Deutschland zu bieten. In seinem Blog erzählt er interessante und schöne Geschichten von großartigen Weinen und Winzern.

Rhônetour Jahrgang 2016 – Probe im Mai 2017

Sich überschlagende Heilsversprechen gehen dem Jahrgang 2016 an der Rhône voraus. Wie Bordeaux soll es eine feinere Analogie zu 2010 sein, mit satt viel seidigem Tannin und hoher Säure, dabei aber deutlich feiner, reifer und mit moderatem Alkohol. In den beiden Regionen, Rhône und Bordeaux, so die Winzer, soll es best ever sein. Hmm ... hilft nichts, hinfahren und probieren!

Der Start

Der Start in Lourmarin in der Provence. Michel und Bastien Tardieu haben da ihre Kellerei. 1.500 km aus dem verregneten Norddeutschland am Sonntag der Wahl, Macron schafft 2/3 ... puhhhh ... Montag ist dazu passend ein Nationalfeiertag, die Sonne scheint vor Freude!

Und nun die Probe über alle Appellationen der Rhône bei Michel und Bastien Tardieu, Vater und Sohn, kongeniale Négociants und Winemaker. Nordrhône und Südrhône. Fast 30 Weine probieren und ausführlich beschreiben. 4 Stunden, hier geht es um Gründlichkeit und nicht um schnelle Eindrücke.

Ich arbeite seit dem Jahrgang 1998 mit Michel zusammen. Einen feineren Jahrgang als 2016 habe ich bei ihm noch nicht probiert. Michel sagt 2016 sei im Süden eine Analogie zu 1990 und im Norden zu 1991 ... nur, dass jetzt die Reben 20 Jahre älter sind und die überwiegend biologische Weinbergsarbeit einen qualitativen Quantensprung erlebt hat.

Das Tollste ist, dass alle Weine völlig unterschiedlich sind, sie spiegeln mehr denn je die Unterschiede der Böden, Reben und des Ertrages wider. Diese extreme Unterscheidbarkeit hatten wir auch schon innerhalb von Bordeaux. Weil die Tannine so reif und seidig sind, stören sie die Feinheit der Frucht nicht, sie stützen nur. Die hohe, perfekt harmonierende Säure frisst das Holz, der zweite uniformierende Faktor ist damit auch weg. Es bleibt Feinheit, Frucht, Terroirausdruck und Rebsorte/Rebalter/Ertragsmenge. Reduced to the max!

Die Nachbarn Rasteau, Vacqueyras, Gigondas und Châteauneuf sind so total unterschiedlich, so etwas klar Unterscheidbares gab es noch nie! Das gilt auch für Saint-Joseph und Crozes-Hermitage. Hermitage und Côte-Rôtie sind stilistisch und im Fruchtausdruck gar so weit weg voneinander wie Bordeaux von Burgund. Was alle Weine eint ist diese enorme, reife Finesse, die Köstlichkeit, delikat raffinierte, ungemein aromenstarke und leckere Weine. Dabei sicher für ein langes Leben.

Die Weißweine sind lecker und raffiniert köstlich wie in Deutschland 2016. Sie erinnern an Pfälzer Weine. Fein anstatt schwer. Frisch und köstlich statt eindrucksvoll dicht. Michel sagt, sie seien lagerfähiger als die doch so großen 2015er.

Und so hat ein überall verregnetes Frühjahr und ein ganz trockener Sommer durch den genialen, langen, trockenen Herbst mit seinen über Monate regulierenden kühlen Nächten aus der möglichen Katastrophe strahlende Schönheiten gezaubert. Auch an der Rhône, das weiß ich jetzt.


Rhônetour Jahrgang 2016 – Dienstag, der 9. Mai 2017

Denkwürdige Proben am Dienstag. Der Biodynamiker Clos du Caillou stellte einen spannenden 2016er Côtes du Rhône Nature vor, ganz ohne Schwefel, intensive Frucht, ein echtes Erlebnis als Selektion aus seinen besten Weinbergen.

Nach den extrem feinen und eleganten 15er Châteauneuf folgten wuchtige Fruchtbomben aus 2016. Quartz und Reserve sind der Hammer, dennoch mit ganz großer Harmonie und seidigen Tanninen und großer Frische, und das trotz der explosiven Intensität und hohen Alkohols.

Mit Christophe und Isabelle Sabon von Janasse probierte ich unzählige Fässer der 16er Châteauneuf.

Was sich bei Tardieu andeutete und bei Caillou fortsetzte, wurde bestätigt. 2016 ist für mich nicht besser als das superelegante 2015, aber viel intensiver und dichter, dabei ruhig und durchaus fein, seidige Tannine, große Frische. Die Weine werden viel Zeit im Keller brauchen, aber diese Weiterentwicklung von 1990 und 2010 ist sicher eines der ganz großen Jahre der Rhône.

Bombe Surprise danach, die gerade erst gefüllten 2014er von Jérôme Bressys Gourt de Mautens.

Rasteau vom anderen Stern. Der Rote aus 12 Rebsorten, biodyn., wurzelecht, Einzelpfahl, Ganztraubenvergärung mit Rappen. Wie ein ganz großer Clos Rougeard von der Loire. So pikant, so voller Finesse. Der aus diversen Fässern verkostete 15er wird dereinst kraftvoller, intensiver, aber in Finesse ist der grenzgeniale 14er unschlagbar. Eines meiner tollsten Verkostungserlebnisse auf dieser Tour!

Zweimal 100 für den supereleganten, fruchtstarken 2015er und für den Powerwein aus 2016, der wie '15 ewig hält, aber die ersten 20-25 Jahre wegen zu viel Kraft weggesperrt gehört. Ein Riese. Abends die Rückverkostung mit grandiosen 2001 und 1998, dazu seine Weißen aus den 90ern.

Der holzfreie Clos des Papes weiß braucht immer mindestens 10 Jahre bis er anfängt seine wirkliche Genialität zu zeigen.


Rhônetour Jahrgang 2016 – Mittwoch, der 10. Mai 2017

Mittwochmorgen, als Ersatz für ein Frühstück die neuen Weißweinstars aus Châteauneuf von der Domaine Pegau. Weinmacher Andreas Lenzenwöger aus Österreich zaubert in biodynamischer Arbeit aus alten Reben mittels dramatischer Ertragsbeschränkung großen Stoff.

Ob die im Stahl ausgebauten Weine so gut altern können wie das Vorbild Clos des Papes, muss sich erst noch erweisen. Die Fassprobe der 16er ist eindrucksvoll. Aus einer winzigen, alten Einzellage von 0,8 ha, oben bei Château La Nerthe, drei verschiedene Böden und drei verschiedene Traubensorten, zaubert er mit Betonei und Barriques einen zielgerichteten Monsterwein. A Tempo. Der gehört mal 10 Jahre weggesperrt. Wenn das so gut reifen kann wie geplant, mag das einer der ganz großen Weißweine der Südrhône werden. Dass danach der aus Ganztrauben spontan gewonnene rote Châteauneuf Reservee die 2016er Erwartungen mehr als voll erfüllte, verwunderte mich schon weniger.

Pegau ist zurück in der Weltklasse!

Mittwoch, mittags, ein Highlight der Rhône, Gigondas wie vom anderen Stern.

Schon im Mai 2016 habe ich erstmals die 2015er Gigondas von Louis Barruol und seinem Château de Saint Cosme probiert. Ich war hin und weg, beschloss dann aber die Texte bis zum Zeitpunkt der Flaschenfüllung nicht zu veröffentlichen – zu euphorisch geriet damals die Fassprobe. Mir war trotz meiner großen Fassprobenerfahrung sehr daran gelegen eine solche Sensation zu verifizieren.

In den Appellationen um Gigondas und Rasteau war 2015 DAS Jahr. Das reife, ruhige, harmonische und köstliche Jahr 2016, wohl DAS Hammerjahr in Châteauneuf, hat es nach meinen Fasseindrücken zumindest schwer hier diese außerordentliche Eleganz und Finesse von 2015 zu erreichen.

Die kühlen und zum Teil steilen Hochlagen von 250 bis 300 Metern, teilweise mit nördlicher oder westlicher Exposition, sind in den generell warmen Jahren 2015 und 2016 ein unbeschreiblicher Vorteil gegenüber den anderen Erzeugern. Cool Climate Frische mit toller Reife und seidigen, butterweichen Gerbstoffen. Alles auf Kalksandstein oder den daraus entstandenen Formen, Sand und weißer Lehm. Eleganz ist garantiert.

Die besten Weine aus über 100 Jahre alten Grenachereben, Einzelpfahlerziehung. Bio im Weinberg, zu 100% als Ganztaraube (nicht entrappt) spontan in Beton vinifiziert, alles nur in gebrauchten Barriques auf der Vollhefe ausgebaut.

Das Ergebnis ist aromatisch so untypisch für Grenache und die Südrhône. Keine süße Erdbeere. Nur Schwarzkirsche, Maulbeere, Minze, Eukalyptus, Holunder, Veilchen und Lakritze. Ultrafein und leichtfüßig, aromatisch und saulecker. Gigondas vom anderen Stern!


Rhônetour Jahrgang 2016 – Donnerstag, der 11. Mai 2017 – letzter Tag im Süden

Château de Beaucastel: 80 Hektar in einer zusammenhängenden Fläche um das Gutshaus – einzigartig! Kalkstein, Lehm und etwas Kiesel. Reben bis zurück ins 19. Jahrhundert. Zum Teil wurzelecht. Alles biodynamisch bearbeitet und nach Entrappung spontan vergoren. Langer Ausbau im großen Holz. Würzige Mourvèdre stellt vor Grenache und Cinsault den Hauptteil, würzige Roussanne den Hauptteil der Weißweine. Rot und weiß sind einzigartig an der Rhône, es gibt noch nicht mal den Versuch der Kopie.

3 Stunden Fassproben mit Cesar Perrin, 28 Jahre alt, der jüngste der 9 Familienmitglieder im Imperium und schon der verantwortliche Winemaker.
2016 wird hier und überall in Châteauneuf in die Geschichte eingehen. Massiv und tanninreich wie 2010, voluminös und köstlich wie 1990, dabei ruhig und unaufgeregt, erhaben und sehr in sich ruhend. Aber 2016 braucht ob dieses massiven Körpers, trotz der reifen und weichen Tannine, viel viel mehr Zeit im Keller. Rot und weiß bitte 15 und 10 Jahre wegsperren!

Der Côtes du Rhône Coudoulet war eigentlich ein üppiger Châteauneuf. Der Châteauneuf selbst ist eine Orgie in Körper und Würze, bestimmt für ewiges Leben. Weißer Châteauneuf und der Roussanne VV aus über 100 Jahre alten, wurzelechten Reben, sollten 15-20 Jahre auf ihren Genuss warten. Zu massiv für jetzt und bald.
Der Vinsobre VV Hautes Julien ist eine Mischung aus Côte-Rôtie in der Nase und Hermitage im Mund, das ist ein Meilenstein dieser Appellation. Der Gigondas reiht sich direkt hinter oder neben Saint Cosme ein – rien ne va plus.

Tschüss Châteauneuf!

Zum Abschluss der Südrhône Pablo Höcht in Séguret.

Uralte Reben, zum Teil wurzelecht, nur 6 Hektar. Erträge unter 30 hl/ha. Extrem dichte und würzige Weine, Biodynamiker, Spontanvergärung mit Rappen, Ausbau im Barrique ... Pablo studierte in Montpellier und war dann 6 Jahre Kellermeister bei seinem Vorbild, Louis Barruol von Château Saint Cosme in Gigondas, nur 8 km entfernt. Alles was er macht und kann hat er von Louis gelernt, nicht an der Uni. Hier entsteht was!


Rhônetour Jahrgang 2016 – letzter Tag

Das Finale: Ferraton in Tain-l'Hermitage. Biodynamiker – seit 10 Jahren zu Chapoutier gehörend, aber unabhängig geführt. Sélection Parcellaire und kleinste Lieu-Dits, nur biodyn., überwiegend winzige 0,5 ha große Lagen, jeweils wenige 1.000 Flaschen, sehr rar, und mit das Beste der Nordrhône. So gut wie Chapoutier, aber nur 1/3 des Preises.

2016 ist ein warmes Grundjahr mit kühlen Nächten. Das gibt köstliche, runde Weine mit ganz seidigem Tannin und zugleich guter Frische, schick, lecker, zugänglich, und doch groß und langlebig. So ist eben 2016!

Ferraton ist dabei immer etwas feiner und geschliffener als die Powerteile von Chapoutier, finessereicher als Michel Tardieus urwüchsigere Unikate, moderater als Stephane Ogiers mineralische Fruchtbomben. Vier geniale Winzer der Nordrhône und vier Stilistiken. So gefällt mir das! Eine tolle Rhônetour geht zu Ende in Beaune. Letzter Abend. Rolle rückwärts ins Burgund.