Rhonetour Mai 2018 - Probe Jahrgang 2017

Autor:
Heiner Lobenberg
Heiner ist der Gründer und Chef von Lobenbergs Gute Weine. Als Jäger und Sammler und Wein-Trüffelschwein ist sein Ziel, den Kunden die beste und interessanteste Weinauswahl in Deutschland zu bieten. In seinem Blog erzählt er interessante und schöne Geschichten von großartigen Weinen und Winzern.

Die Rhone 2017 wurde im Vorfeld hochgepusht, dementsprechend groß war die Neugier. Nun muss sie sich dem Realitätscheck stellen. Und siehe, es scheint hier nicht anders gewesen zu sein als im Rest von Europa. Die akribisch im Weinberg arbeitenden Winzer brachten geniale Ergebnisse...

Start am Samstag, den 12 Mai

Zwischenstop Beaune im Burgund

Samstag 12. Mai. Fahrt von Bremen nach Beaune im Burgund. 1100 km. Meine Lieblingsstadt in Frankreich. Schlafen im simplen Hotel Ibis Style, preiswert und simpel, aber eine geniale Lage in der Innenstadt... Lieber hier sparen und ein abendliches Investment in grandiose Burgunder im wunderschönen Restaurant Le Jardin des Ramparts. Danach die noch bessere und preislich faire Wein- und Champagnerkarte in der Weinbar Bout de Monde. Alles in Laufentfernung. Eine der besten Weinkarten des Burgunds überhaupt.

Karte studieren im Jardin des Ramparts

Sonntag, 13. Mai

Bistro La Feniere

Nächster Tag Fahrt bis Lourmarin in der Provence. Da haben Michel und Bastien Tardieu tief unter der Erde ihr Keller-Reich, voll mit Fässern edelster junger 2017er und noch nicht abgefüllter 2016er. Auf Einladung der zwei Winzer schlafe ich im Relais La Feniere. Die Besitzerin Rene Sammut gilt dazu noch als beste weinbliche Köchin Frankreichs, ihr Mann Guy ist ein genialer Gastgeber und begnadeter Hobbymusiker. Diese jährliche Einladung mit gereiften Weinen der Tardieus während des sonntagabendlichen Dinners vor der montäglichen Probe des neuen Jahrgangs liebe ich!

Michel und Bastien Tardieu

Montag, 14. Mai

Tardieu

Die Tardieus sind wohl die besten Negociant Eleveur Frankreichs, auch als Winzer anerkannt von allen weltweiten Topjournalisten. Sie arbeiten eng und partnerschaftlich nur mit den besten, überwiegend biologisch arbeitenden Winzern der Rhone. Sie beraten im Weinberg bzgl. der von ihnen gewünschten Weinbergsarbeit und den Ertrag, und sie können sich heute die Parzellen und Terroirs aussuchen, aus denen sie ihren Wein bekommen. Sie bestimmen auch über die Vergärung und liefern die Fässer, die sie dann zum weiteren Ausbau nach Lourmarin in ihren Keller holen. Diese Art des Weinmachens auf fremden Top-Terroir, quasi als Untermieter, ist auf den berühmten Weinranches Kaliforniens seit vielen Jahrzehnten Standard. Viele berühmte Namen arbeiten so wie die Tardieus auf einigen ihrer Terroirs, speziell in Chateauneuf. 1998 war mein erster Jahrgang als deutscher Exklusivimporteur von Michel Tardieu, damals lagen seine Fässer noch im Keller unterhalb des Lourmarin-Chateaus. Nun wird der reife, und schon im Voraus hochgepuschte Jahrgang 2017 mein zwanzigstes Jahr. Und dem Jahrgang weht, genau wie meinem ersten Jahr mit Michel, 1998, ein euphorischer Qualitätsruf an der Rhone voraus.

Die Probe beginnt um 9 Uhr. Michel sagt, 2017 an der südlichen Rhone kommt 2016 in Eleganz und Frische ziemlich nah, wenn ein Jahrgangsvergleich statthaft sei, dann eben genau dieser. Dennoch bleibe 2016 etwas eleganter, feiner, finessereicher und erhabener, aber eben nur minimal besser und sehr ähnlich im Charakter. Lediglich bei den Weißweinen sei durch die größere Frische ein kleiner Sprung nach oben feststellbar. Das ist doch mal eine hervorragende Ausgangslage für unsere jetzt startende Verkostung.

Der große Qualitätssprung aber sei die nördliche Rhone. In seinen 30 Jahren als Winzer habe er einen so perfekten Jahrgang noch nicht im Fass gehabt. Volle Reife mit niedrigem Alkohol und hohen Extraktwerten und satter Mineralität, das Ganze noch frischer als 2016. Aber winzige Erträge durch verrieselte Blüte und Trockenheit im Sommer, Frische bewahrende kalte Nächte im August und September.

Dieser Jahrgang 2017 zieht sich per Großwetterlage stilistisch eben durch ganz Europa. Frühe Blüte, höhere Durchschnittstemperatur mit hoher Reife, geniale Frische durch kalte Nächte, geringe Mengen durch Frost und Verrieselung und Trockenheit, große Frische durch Kühle im Spätsommer. Pikanz in voller Reife. Bordeaux, Deutschland, nun Rhone. Das gleiche Phänomen. Aber eben auch Heterogenität. Viele Winzer mit „best ever“, aber nahe bei dann auch viel Durchschnittsweine. Nur die akribisch im Weinberg arbeitenden Winzer, von Laubarbeit bis Vor- und Auslesen, brachten genial Ergebnisse, die es dann aber in sich haben.

Dann geht’s los, mehr als 20 Weine ausführlichst verkosten und besprechen. Und Michel hatte Recht. Der Süden ist genial pikant. Cotes du Rhone Cuvee Specialaus 100% Grenache unentrappt ist ein burgundisches Wunderwerk. Guy Louis der üppige Gegenspieler. Der best ever Gigondas ist atemberaubend, Vacqueyras und Rasteau sind irre komplex, Veilchen, Lakritze, fett und üppig und mit genialer Kumquat und Sanddorn als frische, witzig komplexe Unterlage. Chateauneufs mit famoser Eleganz dazu. Alle Weine des Südens sind so gut wie 2016, nur anders, pikanter, weniger erhaben, dafür komplexer und individueller und intensiver bei rassiger Frische.

Der Norden schlägt weiß und rot alles, was ich je an der Rhone probiert habe. Satte rote Frucht, feminine Eleganz, große Frische, Extrakt und Mineralität bis zum Abwinken. Superfeines Tannin in Massen! 100 Punkte für Hermitage in weiß und rot, best ever Condrieu, Cornas VV, Cote Rotie VV... geniale Verfolger mit St. Joseph VV und Crozes Hermitage VV. Und gab es je so große Weißweine an der Rhone? Saint Perey ist nicht weit hinter Hermitage...

Unglaublich aber wahr: Die Rhone scheint das dritte Steigerungsjahr in Folge zu haben. Klar ist aber auch, dass es ohne die geringsten Erträge aus Verrieselung und Trockenheit, und besonders ohne die kalten Nächte des Spätsommers, eine fette, marmeladige Katastrophe geworden wäre. Nochmal Glück gehabt, und so wurde aus dem fetten, heißen Biest die strahlende Schönheit.

mit Philippe Cambie Chateau Calendal

Cambie, Nicolas Boiron

Dann die Fahrt nach Chateauneuf du Pape. Treffen mit Philippe Cambie. DER önologische Berater einer Vielzahl der besten Erzeuger. Tardieu, Bosquet des Papes, Clos St. Jean u.v.m. Sein winziges Weingut ist Chateau Calendal, 4 Hektar alte Grenache und Mourvedre auf Kieseln und Sand auf dem Plan de Dieu. Für unter 20 Euro glasklare Chateauneuf-Qualität. Und 17 ist fruchtstärker als der superstylische 2016. Bosquet des Papes, wo wir uns auch mit dem Besitzer Nicolas Boiron trafen, ist in 2016 und 2017 gleichwertig, stylisch und voller Finesse gegen pikante Fruchtbomben aus 2017.

Mit Nicolas Boiron von Bosquet des Papes

Domaine du Pegau

Finale auf Domaine du Pegau. Ultrastylischer Geradeauslauf in Mourvedre, glasklar ohne jede Volatilität, zeigt sich der rote Chateauneuf Reserve 2016. Viel feiner und saftig eleganter als der Kraftbolzen und Dampfhammer aus 100 jährigen Reben, die Cuvée da Capo. Paul Feraud und seine Tochter Laurence sind schon sicher unter den Allerbesten. Geniale Weißweine gibt es aber erst, als sie diesen Part an den österreichischen Kellermeister Andreas Lenzenwöger übertragen haben. Seine nur aus 1500 Flasche bestehende Cuvée A Tempo besteht nur aus Ablaufwein uralter Grenache und Bourboulenc, minimal Roussanne. 90% in der Betonamphore, der Rest Barrique. 97-98 Punkte sicher, später vielleicht mehr. Der Weg führt Andreas in seinem feinen nordischen Stil weg vom breiten Chateauneuf. Österreich, Burgund, Rheinhessen stehen Pate. Eine neue Super Biodyn-Cuvée von Wittmann dachte ich. 100 Punkte sind klar in Sicht. Chapeau!

Domaine Pegau mit Paul Feraud und Winemaker Andreas Lenzewöger und Didier Louvet

Dienstag, 15. Mai

Marie und Jerome Bressy von Gourt de Mautens

Gourt de Mautens

Morgens um 9 Uhr bei Gourt de Mautens von Jerome Bressy in Rasteau. Wenn ich qualitativ nur einen Rotwein und einen Weißwein und einen einzigen Winzer an der Rhone behalten dürfte, müsste ich mich nur zwischen Clos des Papes und Gourt de Mautens entscheiden. Der Biodynamiker Jerome Bressy, bester Freund von Jean Paul Daumen auf dem Chateauneuf Biodyn-Weingut Vieille Julienne, macht hier in einer unendlichen, händischen Detailarbeit auf seinem winzigen Weingut mit die besten Weine der Welt. Beide, weiß und rot, sin fast unerreichbar in ihrer Art. Unendlich fein, mineralisch frisch und multikomplex und hintersinnig. Abgehoben schicker und mineralisch frischer Finesse-Stoff! Ich probiere 2016 weiß und rot, diese Weine kommen erst 2019 auf den Markt. Man kann seine Feinheit und Hintergründigkeit kaum beschreiben, bessere Weine von der Südrhône gibt es für mich nicht! Unendliche Ruhe ausstrahlend wie 20 Jahre gereifte Weine aus Musigny! 50 Euro pro Flasche klingt nach viel Geld, bitte probieren, in dem Preisbereich gibt es nichts Gleichwertiges!

Louis Barruol Chateau Saint Cosme

Saint Cosme

Dann Louis Barruol von Chateau Saint Cosme in Gigondas. Seit Jahren nun der Konkurrenz enteilt, in Gigondas können nur noch die Herren Perrin von Beaucastel/Clos des Tourelles und Tardieu mit immensem Aufwand folgen. Alle setzen wie er auf die Hochlagen in Gigondas. Finesse, Frische, saftige Frucht, Terroir und Mineralität ist das Geheimnis. 2016 war DAS Jahr an der Südrhône, ich bin gespannt auf das mit Vorschusslorbeeren überhäufte 2017.

Es geht aber los mit seinen best ever von der Nordrhone. Zwischen 97 und 100 liegen sein Crozes Hermitage, Saint Joseph und der geniale 100 Punkte Cote Rotie. Sehr strukturiert, mineralisch und unendlich frisch in satter Frucht. Was für ein Jahr an der Nordrhone! Aber 100 für den 17er La Poste vor 98 Hominis Fides und 97 La Claux zeigen, dass 17 auch in Gigondas extrem gut ist. Auch der Gigondas Classique, der mit 95-96 neue Maßstäbe setzt und sämtlich alten Reben des Valbelle enthält, ist ein Meilenstein. Erst Jerome Bressy, jetzt Louis Barruol, gleich Jean Paul Daumen und final Vincent Avril. Dieser Dienstag ist DER Tag an der Rhone mit den allerbesten Winzern in einem der größten Jahre meiner hiesigen Verkostungshistorie.

Vincent Avril von Clos des Papes

Clos des Papes

Clos des Papes zum Abend. 2017 war in der Blüte verrieselt, dann Hagel im Juni und kein Regen danach bis November. Ultrakleiner Ertrag unter 15 hl / Hektar. Es gibt wenig aber sehr guten Wein. Mit 45% Mourvedre, erstmalig. Geniale Frucht, stilistisch eher am 2015er als am ewig brauchenden und haltenden 2016. Qualitativ dazwischen. Wegen des hohen Mourvedre-Anteils, der gern immer über 40% sein darf (Nachpflanzungen erfolgen hier immer als Mourvedre), ist 2017 genial fruchtig und frisch, Holunder trifft Himbeere und reife Zwetschge. Lang und mineralisch. 97-100/100 Groß und ein Unikat hier. Perfekt zu trinken sind die nächsten 15 Jahre aber nur die offenen 2014 und 2013. Wunderbare Weine im Stil von Chateau Rayas. 2011 fängt bald an, 2010 und 2016 brauchen 20 Jahre im Keller. Weiß ist es durchaus ähnlich langlebig... alles jünger als 2005 ist viel zu jung jetzt. Wir probierten rot und weiß zurück bis 2004. 2004 und 2005 weiß werden langsam gut, auch 2005 rot und älter ist im Werden....Abends im Table du Sorgues bringt Vincent trinkreife Weiße aus den 90ern mit und 2000er rot. Was für ein Tag!

Chateauneuf du Pape

Mittwoch, 16. Mai

Gaspard und Marilou Vacheron von Clos du Caillou

Clos du Caillou

Mittwochmorgen um 8 Uhr der Biodynamiker Clos du Caillou. Winzig, bestes Terroir. 2017 Fassproben und ohne final Blend. Also nur erste Eindrücke. Geniale frische und intensive Frucht, der CdR Nature ohne Schwefel ist ein Traum. Insgesamt deutlich weniger Tannin als 2016. Seidig in 2017. Die winzigen Erträge in Chateauneuf, dank verrieselter Grenache-Blüte und dank des zu trockenen Sommers, hat die Qualität gepuscht. Kein ganz großes Jahr wie das best ever 2016, aber ein tolles Jahr. Ganz viel Frucht. Zugänglich. Frisch. Viel näher an 2015 als an 2016, vielleicht sogar offener und reifer als 2015 aber mit mehr Frucht. Süffig und saftig aber eben nur gut die halbe Menge.

Isabelle Sabon von Domaine Janasse

Janasse

Janasse bestätigt danach mit Fassproben vor dem final Blend diesen Eindruck von Caillou. Mehr Mourvedre auch hier. Die 2017er werden toll und fruchtig. Reifes und seidiges Tannin, kleine Mengen. Alles passt gut zusammen. Irgendwie erinnert mich 2017 an ein fruchtstärkeres und etwas reiferes 2005 mit seidigerem Tannin, unglaublich schön und sooo gut, aber nur knapp die halbe Menge.

Perrin Beaucastel mit Domaine du Clos des Tourelles

Beaucastel

Finales Vormittags-Tasting bei Beaucastel. Wie schon bei Tardieu und Saint Cosme zeigen auch die beiden Gigondas von Clos des Tourelles und L’Argnee, dass nichts so gut ist wie Hochlagen. Das ist DER cool climate Ersatz. In Verbindung mit über 100 Jahre alten wurzelechten Reben und biologischer Weinbergsarbeit entstehen dann auch in warmen Jahren wie 2017 ganz frische Fruchtriesen. Natürlich wurde 2017 unfreiwillig qualitativ massiv befördert durch extremst geringe Erträge. Verrieselte Blüte, Hagel, lange Trockenheit. Wer weiß, ob Gigondas so eindeutig der 2017er Superstar der CdR Village Appellationen gewesen wäre, wenn es in der Wärme große Mengen und vielleicht auch etwas Fäulnis gegeben hätte? So bedauern wir zwar die Winzer ob ihrer halbierten Mengen, wir feiern dafür das dritte Jahr in Folge große Weine. 2017 ist reif und fein mit seidigsten Tanninen und viel frischer Frucht. Nicht so groß und tannic wie 2016, eher wie das tolle und fruchtstarke Jahr 2015, aber wohl noch etwas offener und fruchtiger, saftiger, womöglich sogar eher zugänglich als 2015. Noch viel größer sind die Unterschiede zu 2016 bei Chateauneuf du Pape. Wegen der Verrieselung und Trockenheit gab es massive Ausfälle bei der Grenache. Coudoulet und Chateau Beaucastel selbst haben noch weitaus höhere Mourvedre-Anteile als sonst. Bei Clos des Papes gefiel mir das extrem gut. Auch hier bei Perrin satte Holundernote und reife Pflaumen mit Amarenakirsche und fast süßlich üppiger Sauerkirsche, Lakritz, final etwas reife Himbeere in Salz. Ein charmanter und reifer Charakter. Wie 1989? Oder 2009? Auf jeden Fall ein Unikat. Bitte 2016 Beaucastel für 15 Jahre weg sperren so wie 2016 Clos des Papes für 20. Also wird erst 2017 so ab 2025 und kurz vor 2015 genussfertig sein.

Familie Perrin

Ferraton

Fahrt nach Tain l’Hermitage zu Ferraton. DER Biodynamiker und das Schwesterunternehmen von Chapoutier. Die Erste Reihe an der Rhone. Winzige Parzellen, Lieu Dits (Einzellagen) in Biodynamie mit jeweils nur 750 bis maximal 2000 Flaschen. Reiner Syrah aus überwiegend alten Reben. Schiefer und Argilo Calcaire und Granit in Crozes, Granit in St. Joseph und Cornas, Argilo Calcaire am Hermitage. Und das alles im fetten Fruchtjahr der Nordrhone. Niedrige Säure, feinste samtig seidige aber reichliche Tannine, viel steinige Mineralität. Eine Balance durch Extrakt und Mineralität und Frucht und Gerbstoff. Frische ohne hohe Säure. Das ist die beste Syrah der Nordrhone. Ein großes Jahr, dass intensiv ist, aber das nicht anstrengt, sondern mit viel Frucht und Trinkfluss Freude machen wird.

Und dann Donnerstagmorgen 1200 km zurück nach Bremen. Sonntags gehts weiter ins Piemont. Barolo 2015.