Rioja: Verkostungsbesuch von Heiner Lobenberg

Autor:
Heiner Lobenberg
Heiner ist der Gründer und Chef von Lobenbergs Gute Weine. Als Jäger und Sammler und Wein-Trüffelschwein ist sein Ziel, den Kunden die beste und interessanteste Weinauswahl in Deutschland zu bieten. In seinem Blog erzählt er interessante und schöne Geschichten von großartigen Weinen und Winzern.

Rioja Verkostungstour 19. - 21. Mai 2017

Ich besuche auf dieser Stippvisite nur meine persönlichen Freunde. Telmo und Amaia Rodriguez und dazu Pablo Eguzkiza, ihr kongenialer Önologe und Weinbergsmanager.

La Granja Remelluri: Mit Amaias täglicher Hilfe und nach Pablos und Telmos Plan inzwischen vollständig auf Biodynamie und die historisch bewährte Einzelstockerziehung umgestellt. Ab Jahrgang 2015 auch zertifiziert.

Auch Telmos und Pablos ureigenes Projekt, die Bodegas Lanzaga, ist komplett Bio, und neben Einzelstockerziehung auch in den besten Weinbergen wieder im gemischten Satz, das ergibt aufregendere Weine.

Den ersten vollständigen Bio-Jahrgang 2015, zumal ein großer Qualitätsjahrgang, wollte ich unbedingt probieren. Vom Fass natürlich, das Meiste schlummert noch im Holz.

Start auf Remelluri. Erstmal die Frostschäden des 28.4. – minus 6 Grad – begutachten. Hier, im höchsten Teil der baskischen Rioja Alavesa, in bis zu 800 Metern hoch gelegenen Weinbergen (selbst die Basis liegt auf 400 bis 500 Metern Höhe) von Remelluri, hätte man starke Frostschäden vermutet. Aber Kälte fällt nach unten. Im Flussdelta der Rioja Alta am Ebro, bei Tondonia und Rioja Alta, gehen die Frostschäden zum Teil aus fast 100% – ein Drama.

Zum Glück für Remelluri ist es hier oben zwar kühl, aber immer windig. Deshalb gibt es nie Botrytis hier, alles bleibt kühl und wird vom Wind getrocknet, ideal für Bio und gut gegen Frost. Sozusagen „vom Winde verweht“.

Dann die Fassprobe.

Zuerst die gerade vor 2 Wochen gefüllten Weine der zwei Lindes (historisches Wort für benachbart) Projekte. Lindes de Remelluri einmal als Labastida, einmal als San Vicente. Zwei Nachbargemeinden jeweils auf einem Berg, getrennt durch ein tiefes Tal. Völlig verschiedenes Terroir und Kleinklima. Ganz andere Weine. Jedes der ca. 50 Tsd. Flaschen umfassenden Projekte besteht aus 10 kleinsten, uralten Weinbergen befreundeter Biowinzer, die zu klein sind um selbst zu füllen und zu vermarkten. Fast 100% Tempranillo, oft über 100 Jahre alte Stöcke, manchmal nur 0,5 Hektar groß. Alles Telmos Freunde und Bekannte aus seiner Lehrzeit auf Remelluri, heute Telmos Sozialprojekt. Alle Einnahmen nach Abzug der Kosten gehen als Unterhalt an diese insgesamt 20 Kleinstwinzer in diesen 2 Gemeinden. Dazu bekommen sie auch noch von Pablo und Telmo kostenlose Weinbergsschulung und genaue Hilfen und Anweisungen, bis hin zur Selektion und Bestimmung des Erntezeitpunktes. Sortiert, entrappt, selektiert und dann spontan vergoren und im Holz ausgebaut wird natürlich alles auf Remelluri. Aufgrund des sehr verschiedenen Terroirs ganz andere Weine. Burgundisch fein voller charmantem Schmelz und Finesse ist der Lindes aus Labastida, höhere Lagen direkt unter der steil aufragenden Sierra Cantabria. Wild, extrem rotfruchtig und fast ungestüm präsentiert sich der Lindes aus San Vicente. Beide nicht-bio-zertifizierte Weine zeigen große Klasse. Beide aber nicht ganz in so perfekter Harmonie wie Telmos und Pablos Meisterstück selbst, der biodynamische Remelluri Reserva. Alle drei aber so fein, finessereich und schmelzig und doch voll intensiver Frucht – eben 2015. Wie '12 und '13 mit Weichzeichner und Turbolader zugleich. Und '16 wird das halten können. Hier war, ist und kommt großes Kino.

Die zwei Highlights zum Schluss. Der La Granja (die Gran Reserva) und das kuriose Einzelstück La Liende aus einem uralten Weinberg mit weit über 100 Jahre alten Einzelstöcken. Wurzelecht. Bio ohne Zertifikat schon immer. Der nur 1 Hektar große Hang ist von alters her im total gemischten Satz von bis zu 10 Rebsorten gepflanzt. Er gehört einem alten Mann, Freund, Gönner und auch Lehrmeister Telmos. Das Vorbild eines Weinbergs für Telmos Las Beatas. Nur 3.000 Flaschen. Seit 2011 separat und exklusiv von Telmo im Holz auf Remelluri vinifiziert und ausgebaut. Nie vermarktet. Ich glaube das wird mit langem Flaschenlager eine Art Vega Sizilia Unico aus der Rioja Alavesa. Das Potenzial dazu hat der Wein allemal. Der vom Fass probierte 2015 ist ungestüm, atemberaubend komplex in Multi-Frucht und wild, außerordentlich mineralisch und salzig, alles bei hoher Säure. Blind hätte ich auf Galizien getippt, wäre da nicht auch diese immense Fülle und feine Süße darunter. Irrer Stoff. Zurückverkostet bis 2011. Gibt man ihm Zeit wird das ein Riese in Komplexität. Wohl nie so köstlich und süffig wie Remelluri, immer atemberaubend komplex, immer alle Aufmerksamkeit verlangend. Aber der Unico kommt ja oft auch erst nach über 10 Jahren Flaschenlager auf dem Markt. Auf diesen Kracher sollten wir also mit viel Vorfreude warten.

Dann die angesagte und geplante Perfektion: der La Granja. Von 30 Tsd. Flaschen 2010, nun reduziert auf nur noch 10 Tsd. Flaschen Edelstoff 2015. Aus reiner Weinbergsselektion der ältesten Stöcke aus allen Höhenlagen Remelluris und auch aus allen Rebsorten. Tempranillo natürlich 70%, dann 20% Garnacha, dann diverse Reben. Multikomplex und Multifrucht in ganz finessereicher, hochedler Ausprägung, sehr frisch, mineralisch, aber auch köstlich und seidig, süß und süffig dazu! Ganz ganz anders alles auf Remelluri als der Modernist und Qualitätsfanatiker Artadi. Grandiose Weine und diametral entgegengesetzt.

Der Abend endet wie es schöner nicht geht. Mit weißem Remelluri, einer der besten Weißen Spaniens, gewachsen auf 800 Höhenmeter. Dazu Abendessen in der Küche am offenen Feuer.


Rioja 2015/2016 – Samstag und Sonntag, 20. & 21. Mai 2017

Den zweiten Tag meiner Rioja-Tour bin ich ausschließlich mit dem Basken Pablo Eguzkiza unterwegs im Weinberg und Keller.

Pablo ist der kongeniale Inhaber-Partner und in Personalunion Winemaker und Vineyardmanager der Gruppe „La Compania“ von Telmo Rodriguez. Sie studierten schon Önologie zusammen in Bordeaux, dann brachten sie gemeinsam Telmos elterliches Weingut Remelluri auf die Weltkarte der Superstars.

Im Streit mit Telmos Vater schieden sie vor 20 Jahren aus (inzwischen sind sie zurück in der Verantwortung für Remelluri) und gründeten ihr eigenes Reich. Sie gründeten eigene Weingüter in Alicante, Malaga, Toro, Ribera del Duero, vor allem aber in der baskischen Rioja Alavesa und in Galizien, in Valdeoras und der Ribera Sacra.


Diese zwei Regionen sind ihr Herzblut. In den Hochlagen der Rioja und Galiziens liegt die Wurzel und die Zukunft des spanischen Weinbaus. Hier sind sie nicht nur Winzer, sondern vor allem Pioniere, Revoluzzer und Landschaftsgärtner. Sie rekultivieren alte Stilistiken, alte verlassene Weinberge, ganze Landschaften und viele historische Rebsorten.

Den traditionellen, gemischten Satz von bis zu 10 verschiedenen Rebsorten (auch Weißwein darunter) in biologischer Einzelstockerziehung (Gobelet) ist ihr Credo. Dazu Wiederanpflanzungen zahlreicher, diverser Baumarten als Ergänzung biologischer Vielfalt. Wein als Teil eines Bio-Universums diversester Flora und Fauna. Zwei Idealisten mit Sendungsbewußtsein. Die Rolle rückwärts in die idealtypische und ursprüngliche Natur.

Im Randbereich Valdeoras, direkt an den Flüssen Sil und vor allem Bibei, direkt angrenzend an die Ribera Sacra, dort wo das Terroir wie in der Sacra komplett aus Granit besteht, ist ihre Wein-Traumlandschaft.

Drei kleine Einzellagen von jeweils ca. 2 Hektar mit einer Majorität der Rebsorte Menzia (neben Alicante Buchet noch 10 weitere). Extreme Steillagen in Terassenform. Granitböden. As Caborcas, O Deviso, As Falcoeira. Verschiedene Expositionen. Vielleicht die drei aufregendsten Weine Spaniens – urwüchsig, Freak-Stoff.

Rioja, die Wiege und der Ursprung der besten Weine Spaniens überhaupt. Das qualitative Epizentrum ist Alava, Teil des Baskenlandes, Wein wächst bis in 850 Meter Höhe.

Kleinbäuerliche Strukturen bis zu adeligen Qualitätserzeugern wie Marques de Riscal bestimmten das Geschehen. Im Gegensatz dazu die Großkellereien in Rioja Alta, gegründet erst in der Krise Mitte des 19. Jahrhunderts am Bahnhof von Haro, als Massenerzeuger zur Belieferung des französischen Marktes zur Zeit der Reblauskriese. Nochmal aufgepeppt mit bis dahin unüblichen Entrappung vor der Fermentation und mit bordelaiser Holzfassausbau, namentlich aufgewertet zum „Medoc-Alavesa“. Viele Nicht-Kenner betrachten das als Ursprung der Rioja, in Wirklichkeit war es schon ihr Absturz in die billige Massenerzeugung, in der sie auch heute noch vielfach gefangen ist. Der Qualitätsursprung war und ist wieder Alava.

Vielleicht gut 10 Toperzeuger aus Alava und dazu Tondonia aus Haro stemmen sich gegen die heutigen Massenerzeuger, ähnlich wie dereinst Asterix Dorf sich gegen Rom auflehnte. Zwei sind die absolute Speerspitze, zugleich auch mit vereinzelten anderen Superstars, wie Vega Sicilia, Peter Sisseck und Alvaro Palacios, an der Qualitätsspitze Spaniens stehend. Die moderne, zivilisierte Biodyn.-Total-Natur bei Artadi, gewollt eindimensional Tempranillo, reduced to the max., aber ganz grandios darin. Und dann die rekultivierte, eher wieder ausgewilderte, diverzifizierte, multikomplexe Bio-Ursprünglichkeit bei Telmos und Pablos Bodegas Lanzaga nebst Remelluri. Totale Beherrschung sehr kraftvoller Natur versus vollstes Vertrauen in die wahre Klasse ursprünglicher Natur. Das sind die zwei Poole der besten Weine der Rioja und Spaniens.

Einen Tag mit Pablo von La Compania Telmo Rodriguez in den Weinbergen um Lanciego und Labastida. Ein Intensivkurs in Terroir und Rückbesinnung zur wahren, wilden und ursprünglichen Natur. Ab 500 Höhenmetern ändert sich die Vegetation und das Kleinklima enorm. Mehr Frische aus Kühle und Wind, mehr Feuchtigkeit aus Wolken. Eine ganz andere Reberziehung und auch ein anderer Weincharakter sind die Folgen. Einzelstock ohne Drahtrahmen. Biodynamik in Lanziegos Grand Crus, in den zwei aus Altos de Lanzago entstandenen Einzellagen Estrada und Velado, wiederspiegelt sich die Frische der Hochlagen. In den Hochlagen um Labastida, Tabuerniga und Las Beatas, zeigt sich in multifruktaler Superkomplexität die Ausdruckskraft des gemischten Satzes. So wie es der Biodyn. und Artenvielfälter Clos des Papes in Chateauneuf vormacht, das Beste ist letztlich die Vielfalt. 2014 ist Pablos florales Lieblingsjahr, 2015 ist dazu reich und warm, mein bisheriges Traumjahr. 2016, das europäischweite Finessejahr par excellence, mag das aber dereinst noch toppen.


Dann Sonntag: Artadi-Tag! Reine, alte Tempranillo unter 500 Höhenmetern in Laguardia. Biodyn. Einzelstock und zusätzlich Drahtrahmen um die Pflanzen beliebig wachsen zu lassen, sie nicht durch Beschneidung zu stressen und damit zu höherem Wasserverbrauch zu zwingen.

Wasser und Feuchtigkeit ist hier viel knapper als in den Hochlagen. Neben dem genial feinen und floralen Einstiegs-Tempranillo 2016 gibt es den Zwischenbau Vinas de Gain, darüber dann 6 Einzellagen. Unterschiedliche Böden und Höhenlagen und Expositionen. Alles besichtigt, ein spannender Weinbergstag. Und Carlos, der in sich ruhende, balancierte Sohn des betriebsamen Gründers Juan Carlos de La Calle, gewinnt an Einfluss.

Nur noch 6 Monate überwiegend gebrauchte Barriques, nach der Malo im Frühjahr raus aus dem Holz in Keramikeier und Stahltanks, nach 14 Monaten dann auf die Flasche gefüllt und anschließend 8 Monate Flaschenlager. Weniger Holz, mehr Frische, mehr Eleganz und ungeschminkte Frucht. Super! Zu dieser Neuorientierung perfekt passend der europäische Finessejahrgang 2016. Wie in Bordeaux eine ultralange Vegetationsperiode bis zum Finale im November. Ein perfekter Indian Summer mit kalten Nächten. Weniger Alkohol bei totaler Reife und Seidigkeit, geniale Frische und ungeschminkte, feine Frucht. Besser denn je zuvor.