Sherlock Holmes und das Geheimnis der drei Rieslinge – III

Autor:
Susanne Werth-Rosarius (✝ 2016)
Susanne liebte Weine und schrieb auch gerne darüber. Ihren Stil bezeichnete sie selbst als „Weinempfehlungen abseits der bekannten Verkostungslyrik“. Wenn man ihr einen Gefallen tun wollte, dann mit einer Flasche „Château Figeac“.

Was bisher geschah: Sherlock Holmes, Dr. Watson und Mrs. Hudson verkosten Weine. Holmes soll die Weine blind verkosten und identifizieren. Mrs. Hudson entpuppt sich als Verkostungsnaturtalent. Die ersten beiden Weine hält Holmes für Rieslinge. Ob er damit Recht behält?

Wein Nr. 3

Ein helles, klares Gelb, ein Zitronengelb.“ Farben lassen sich genau beschreiben, ohne auf Sommerwiesen oder Damenkleider ausweichen zu müssen. Ein Gelb ist ein Gelb, kräftig oder zart, heller oder dunkel.

Als ich meine Nase in das Glas tauchte, erfasste ich sogleich einen intensiven Duft von Pfirsich und dem Saft der konservierten Ananas. Und, sollte das wirklich sein, Bohnerwachs? Ja, dieser Geruch, wenn Mrs. Hudsons Küchenfußboden frisch geputzt und poliert war. Und dann ein süßlich-rauchiger Duft, wie Weihrauch, dass in den Gottesdiensten der katholischen aber auch unserer anglikanischen Kirche eingesetzt wird. Es erschien mir töricht, solch verwegene Erscheinungen zu äußern. Aber Mrs. Hudson schien derlei für vollkommen natürlich und angemessen zu halten und gab ihre Erkenntnisse zum Besten: „Er duftet nach exotischen Früchten wie Ananas oder Mango, auch eine kleine Nase Grapefruit, rosa Grapefruit. Dazu etwas Wächsernes, Bienenwachs, wie von den großen Bienenwachskerzen. In der Tat erinnert etwas an den Duft in der Kirche, wenn noch ein wenig Weihrauch in der Luft hängt.

Ich bewundere Ihre Gabe, den Weinen ein unverwechselbares Gesicht zu geben. Decken sie sich doch zum großen Teil mit den meinen. Und ich bin sehr froh, dass sie bei unserem kleinen Spaß mitmachen, Mrs. Hudson. Watson ist doch so von seiner Aufgabe der Dokumentation in Beschlag genommen, dass er uns kaum seine Beobachtungen und Empfindungen mitteilen kann.

In der Tat vermeinte ich noch einen Hauch Stachelbeere zu riechen.“, brachte ich noch ein.

Richtig, allerdings nicht in dem Maße wie der vorherige Wein. Oh, Entschuldigung Sir, ich vergaß, dass wir uns ja der Vergleiche enthalten sollten.“ Mrs. Hudson schlug sich schuldbewusst auf den Mund, aber Holmes winkte lächelnd ab und führte sein Glas zum Mund.

Der erste Schluck bereitete mir ein zufriedenes Gefühl. Rund und klar rollte der Wein über die Zunge, dabei alle Aromen, die unsere Nasen erkannt hatten, zu einem feinen Potpourri bündelnd. Ich nahm gleich noch einen zweiten Schluck und stellte mir vor, wie ich zu diesem Weine eine Karbonade mit gestampften Kartoffeln und einer köstlichen Bratensauce essen würde. Es lag sicher an der kräftigen aber nicht unangenehmen Säure, die meinen Appetit anregte und mich an ein herzhaftes Mahl denken ließ.

Und noch bevor ich meine Worte sammeln konnte, war es wiederum Mrs. Hudson, die das Wort ergriff: „Zu diesem Wein würde ich gerne etwas essen. Vielleicht einen schönen gedünsteten Lachs oder ein gebratenes Huhn mit Morcheln. Oh, es fallen mir viele köstliche Gerichte ein, die mit diesem Wein einhergehen könnten. Es ist ein kräftiger Wein, mit seinen feinen Fruchtaromen. Ich schmecke ich einen Hauch Muskat und frische Kräuter.

Mein Einsatz schien wieder dem Nachhall des Geschmacks vorbehalten zu sein.

Von diesem Wein bleibt der Eindruck nicht so lange im Mund haften, sodass man schneller Lust verspürt, einen neuen Schluck zu nehmen.“, ergänzte ich also und ließ den Worten sogleich die Tat folgen.

Sehr fein beobachtet, meine Lieben. Auch dieser Wein ist von unzweifelhafter Güte, auch wenn ich – und nun werden wir die drei Weine miteinander vergleichen – die beiden anderen jeden auf seine Weise für einen Wimpernschlag besser halte, vielschichtiger in den Aromen und von einer größeren Eleganz. Dieser hier ist allerdings ein sehr sympathischer Kamerad, mit dem man jederzeit gerne einen Abend verbringen möchte.

Und, das haben Sie sehr richtig erkannt, liebe Mrs. Hudson, er braucht ein gutes Essen, das er begleiten kann. Die beiden anderen Weine sind auch für sich genossen eine Quelle stetiger Inspiration und des hohen Genusses.


Und?“, fragte ich. „Können Sie auch diesen Wein bestimmen, so wie sie bei den beiden anderen getan haben?

Ich gebe zu, hier hat Henry mir eine harte Nuss zu knacken gegeben. Jedoch fasse ich einmal alle Eindrücke für mich zusammen. Dass es sich wiederum um einen Riesling handelt, ist nach einigen Schlucken evident. Auch wenn er im ersten Moment ein wenig an einen Sauvignon Blanc erinnert. Trotzdem im ersten Augenblick alles für einen deutschen Riesling zu sprechen scheint, so ist dies nicht der Fall. Es ist eher so als ob dieser Wein sich die großartigen deutschen Rieslinge zum Vorbilde genommen hätte und ihnen in allen Belangen nachzueifern wünscht. Und dabei auch eine eigene Handschrift zeigt.

Nein, Deutschland und auch Elsass, können wir ausschließen. Doch ist dieser Wein in jedem Fall im guten alten Europa gewachsen und keinesfalls in Amerika oder den Weinländern Südafrikas oder Australiens. Bei aller aromatischen Exotik hat er doch eine europäische Bodenständigkeit. Auf keinen Fall.


Holmes musste sich in den letzten Tagen höchst intensiv mit Weinen befasst haben. Wie konnte er sonst die Weinländer Südafrikas oder Australiens erwähnen? Ob man dort wirklich Wein anbaute?