Sherlock Holmes und das Geheimnis der drei Rieslinge – IV

Autor:
Susanne Werth-Rosarius (✝ 2016)
Susanne liebte Weine und schrieb auch gerne darüber. Ihren Stil bezeichnete sie selbst als „Weinempfehlungen abseits der bekannten Verkostungslyrik“. Wenn man ihr einen Gefallen tun wollte, dann mit einer Flasche „Château Figeac“.

Was bisher geschah: Sherlock Holmes, Mrs. Hudson und Dr. Watson haben drei unbekannte Weine verkostet und Holmes muss nun sein Votum abgeben. Wird er alle drei Weine richtig bestimmen? Er ist beim dritten Wein angelangt und vermutet Riesling, nicht Elsass, nicht Deutschland, aber Europa. Kommen wir also zur Auflösung.

Des Rätsels Lösung

Er sprang auf und durchsuchte einen Stapel Zeitschriften und Illustrierte, die neben seinem Stuhl lagen.

Ja, hier haben wir es doch. Das hier muss er sein. Lesen Sie, Watson!

Er drückte mir eine Zeitschrift namens „VINUM“ in die Hand. Einige Zeilen waren unterstrichen.

Ich las also: „Der Wein wird in Kooperation mit Winzerlegende Egon Müller IV. produziert, den man sonst nur von seinem Saar-Weingut kennt. Die Verkoster schnupperten, rochen Riesling, grübelten, tippten auf die Pfalz, genauer gesagt die Mittelhaardt, obwohl der Wein wenig Obstaromen und mehr Würze (20% Edelfäule) und Erde aufwies, und dann diese prägnante Säure… merkwürdig….

Genau“, rief er triumphierend aus, „der ist es, der Riesling von „Château Bela“ aus der Slowakei.

Ich zeigte ihm die Flasche und er nickte selbstgefällig.

Bevor ich auch die beiden anderen Weine bestimme, möchte ich noch einmal alle probieren, doch nun in genau der umgekehrten Reihenfolge, denn diese scheint mir der Qualität der Weine zu entsprechen. Sollte man doch immer mit der kleinsten Qualität beginnen und die höchste am Schluss verkosten. Und bitte, meine Lieben, bedient Euch ebenfalls.

Mrs. Hudson schien der zweite Wein am besten gefallen zu haben, denn sie erbat sich ein weiteres Glas von just diesem, während mir der erste unvergessen war, so köstlich war er.

Wein Nr. 1“, sagte Holmes in unsere genießerische Ruhe, „ist recht einfach zu bestimmen. Dass er aus dem Elsass kommt ist ohne jeden Zweifel so. Sein Stil ist der klassisch elsässische und er ist ohne jeden Zweifel von der höchsten Qualität, wenn auch sicher noch kein Premier Cru, wie man dort die Weine aus den besonders hervorragenden Lagen zu nennen pflegt. Es kommt nur einer der besten Winzer des Gebietes in Frage und derer gibt nur drei: Zind-Humbrecht, Kreydenweiss und Ostertag.

Ich gebe zu, die Namen sagten mir alle nichts. Aber sie klangen in der Tat wie Namen aus dieser Ecke Frankreichs.

Und derjenige, dessen Weine am besten den traditionellen elsässischen in Perfektion Stil verkörpern, ist ohne jede Frage Zind-Humbrecht. Aufgrund der sehr intensiven mineralischen Aromen dieses Weines neige ich zu der Ansicht, dass es sich um den „Riesling Calcaire“ handelt. Nun, wir werden das später verifizieren.

Jetzt geht es um den Wein Nr. 2, der mir – das muss ich zugeben – ein wenig Kopfzerbrechen bereitet. Er stammt auch aus dem Elsass, das habe ich ohne Zweifel herausgefunden. Sein Winzer pflegt einen etwas moderneren Stil als der vorgenannte, sein Riesling zeigt einerseits etwas mehr Kühle und Klarheit, andererseits weniger Kraft und Schmelz. Qualitativ sind beide durchaus auf Augenhöhe.

Nun weiß ich aber, dass Henry einen interessanten und sehr talentierten Winzer namens Marc Tempé in sein Sortiment aufgenommen hat und so wird er mir genau diesen zur Probe angestellt haben. Es handelt sich um den Riesling Zellenberg desselben Winzers.


Er bedeute mir, nun die Identität auch der beiden Flaschen zu lüften und so stellte ich alle drei zur allgemeinen Betrachtung auf den Kaminsims.

2012 Riesling Calcaire, Domaine Zind-Humbrecht, Elsass
2013 Riesling Zellenberg, Marc Tempé, Elsass
2015 Riesling Château Bela, Slowakei

Ich kam einmal mehr nicht umhin, seinen Scharfsinn zu bewundern. Alle Weine richtig bestimmt. Nun, ein Weinkenner hätte vielleicht noch den Jahrgang erkennen können. Allerdings ging die Wette ja auch nur um „Herkunft und Winzer“.

Nun sollten wir die Flaschen wieder zurück in den Kühler geben. Mrs. Hudson, es scheint mir angezeigt, dass Sie noch einmal Eiswürfel nachfüllen. Dann werden wir alle Weine in einigen Stunden noch einmal verkosten, um zu sehen, welche Entwicklung sie mit Sauerstoffzufuhr genommen haben.

Während dieser Zeit ordnete ich meine Notizen und begann bereits mit der Arbeit an dieser kleinen Episode, die sich so leider nicht mehr wiederholen sollte. Mrs. Hudson hingegen bereitet in ihrer Küche einen kleinen Imbiss aus kaltem Braten, Kochschinken, Eiern Mimosa und Brot, dem wir herzlich zusprachen. Hatte die Säure der Weine und insbesondere der Slowakei doch unseren Appetit angeregt. Dieser war auch der dienlichste Begleiter zu unserem kleinen verspäteten Lunch. Die anderen beiden entfalteten ihre imposante Wirkung eher, wenn ihnen die volle Konzentration zuteilwurde und keine weiteren Aromen störten.

Zur Nachverkostung bleibt noch kurz anzumerken, dass gerade Riesling Château Bela eine erstaunliche Entwicklung in der Flasche genommen hatte. Wirkte er doch insgesamt viel harmonischer und gerade die Fruchtaromen hatten sich das auf das Beste entfaltet. Gleiches gilt auch für den Tempé. Der Zind-Humbrecht war bereits zu Beginn unseres Experiments auf hohem Niveau und das hatte sich über die Zeit kaum verändert. Übrigens selbst nach drei Tagen nicht, als ich noch ein paar Reste entdeckte und probierte. Da hatten die anderen beiden doch viele ihre hervorragenden Aromen verloren.

Und so schließe ich nun diesen kleinen Bericht und kann nur wieder einmal mehr den Scharfsinn und die vielseitigen Talente meines Freundes bewundern.

John H. Watson (übersetzt von Susanne Werth-Rosarius)

 

Ende

Die Weine zum Beitrag
Zind-Humbrecht, 2012, Frankreich –Elsass
0,75 l
29,07 €/l
Marc Tempé, 2012, Frankreich - Elsass
0,75 l
23,33 €/l
Château Bela / Egon Müller, 2015, Slowakei – Sturovo
0,75 l
19,73 €/l