Sherlock Holmes und das Geheimnis der drei Rieslinge

Autor:
Susanne Werth-Rosarius (✝ 2016)
Susanne liebte Weine und schrieb auch gerne darüber. Ihren Stil bezeichnete sie selbst als „Weinempfehlungen abseits der bekannten Verkostungslyrik“. Wenn man ihr einen Gefallen tun wollte, dann mit einer Flasche „Château Figeac“.

Wer den Wein um seiner selbst willen liebt“, sagte Holmes eines Abends und legte „den Telegraph“ aus der Hand, „wer den Wein um seiner selbst willen liebt, der wird auch in den unwichtigsten und nebensächlichsten Erscheinungen den höchsten Genuss finden. Mit Vergnügen, lieber Watson, sehe ich, dass auch Sie sich diese Erkenntnis zu eigen gemacht haben.

Verwirrt schaute ich auf. Kein Morphium? Kein Kokain? Über Wein hatte Holmes noch nie gesprochen, auch nannte er nicht, wie andere Herren von Stand, einen imposanten Weinkeller sein eigen. Einem Claret zum Dinner sprach er wohl zu, wie es die Sitte erforderte.

Er lenkte meinen Blick auf eine unscheinbare Kiste, die Mrs. Hudson auf seinen Schreibtisch gestellt hatte; nicht ohne die übliche Entgegnung Holmes, dass dieser Ort heilig sei und von ihr unter keinen Umständen berührt werden dürfe. Die wackere Dame hörte diese Rüge nicht zum ersten Male und schien eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber Holmes Ansinnen erworben zu haben.

Die Kiste war bereits geöffnet und gab den Blick auf drei schlanke Weinflaschen frei.

Mein guter alter Freund Henry Praisenhill übersandte mir die Kiste und wollte wissen, was ich von den Weinen halte.

Dass Holmes einen guten alten Freund hatte, der ihm darüber hinaus Wein schickte, schien mir auch nicht einleuchtend. Gespannt wartete ich also ab, was als nächstes käme.

Auch wettet Henry, dass es mir unmöglich sei, die Herkunft der Weine und ihren Winzer ohne einen Blick auf die Flasche zu ergründen. Und deswegen werden Sie, mein lieber Watson, für heute Abend die Güte haben, mir Mundschenk und Chronist zugleich zu sein. Schlussendlich werden Sie Henry bestätigen, dass ich die Weine nur anhand ihres Aussehens und ihres Geschmacks identifiziert habe.

Es ging also um eine Wette und jemand, alter Freund oder nicht, hatte Holmes' Scharfsinn herausgefordert. Nun, das würde ein amüsanter Abend werden von der Art, wie wir nicht viele in der letzten Zeit hatten. Zu viele Fälle hatten der Lösung bedurft.

Was, lieber Watson, würden Sie nun als erstes tun?

Die Flaschen öffnen?

Ich kannte diese kleinen Seufzer nur zu gut, die Holmes – für meinen Geschmack etwas zu demonstrativ – ausstieß, wenn er der Meinung war, dass ich einmal wieder das Wesentliche übersehen hatte.

Bitten Sie Mrs. Hudson, einen großen Champagnerkühler mit Eis bereit zu stellen, sodass die Weine vor dem Genuss gekühlt sind. Ein Blick auf die Formen der Flasche – nein ich habe die Etiketten nicht gesehen, weisen sie doch zum Kistenboden – sagt mir, dass es sich bei den Weinen um Weißweine handelt. Und diese verlangen eine kühlere Trinktemperatur. Danach bereiten Sie die Notizen vor. Nun in solchen Dingen sind Sie akribisch genug, da muss ich sicher keine weiteren Ratschläge geben.

Während ich nach meinem Notizbuch suchte, hörte ich wie, Holmes Mrs. Hudson noch aufforderte, eine Karaffe Wasser und einige Weißbrotscheiben vorzubereiten und uns ihre Weingläser, die kostbaren Kristallgläser mit dem Waterfordschliff, zur Verfügung zu stellen. Und – ganz in generöser Laune – lud er sie ein, an unserem kleinen Spaß, wie er es nannte, teilzunehmen, was die liebenswürdige Dame augenscheinlich verwirrte. Doch schon bald eilte sie mit dem Gewünschten herbei und nahm in unserer Runde Platz.

Wein Nr. 1

Also, beginnen wir“, ließ sich Holmes vernehmen, „gießen Sie den ersten Wein ein, Watson! – Aber doch nicht so viel, zunächst bedarf es nur einer kleinen Menge, damit sich die Aromen im Glase entfalten können. Sie als Arzt wissen doch, dass der Mensch die meisten Geschmacksempfindungen durch die Nase aufnimmt. Und bei unserem kleinen Spaß kommt es auf jede noch so kleine Erscheinung an, wie ich bereits bemerkte.

Ich notierte „Wein Nr. 1“ ohne den Namen vom Etikett abzuschreiben, wollte ich doch verhindern, dass Holmes die entscheidenden Informationen einfach von meinen Notizen ablesen würde.

Nun, lieber Watson, was sehen Sie?

Ich wollte gerade einen Schluck des Weines nehmen, doch als ich sah, wie durchdringend Holmes den Wein durch das Glas und von oben musterte, hielt ich inne. Auch Mrs. Husdon wagte nicht, einen Tropfen zum Munde zu führen. Ohne meine Antwort abzuwarten, führte Holmes weiter aus und erwartete, dass ich seine Worte aufschrieb.

Goldgelbe Farbe, wie Sonnen beschienenes Stroh. Funkelnd.

Holmes versenkte seine Nase in das Glas und wir taten es ihm gleich. Nun würde er uns mit Sicherheit fragen, welchen Duft wir wahrnähmen. Ich versuchte mich zu konzentrieren, Mrs. Hudson tat es mir gleich und meinte: „Es duftet wie der Orangenpunsch, den meine liebe Großmutter immer am Heiligen Abend servierte. Nach Orange, Zimt und ein wenig Rum.

 

Bravo, Mrs. Hudson!“, schrie Holmes begeistert und schaute mich triumphierend an. „Sie haben erfasst, worauf es ankommt. Nun, Watson, Ihre Wahrnehmung? Es ist von entscheidender Bedeutung, gleich den ersten Eindruck festzuhalten.


Ich roch am Glas. Nun, das Getränk roch wie Wein. Aber halt, es kamen mir einige Früchte in den Sinn, Aprikosen und Pfirsiche und die von Mrs. Hudson erwähnten Orangen nahm ich nun ebenfalls wahr.

Aprikosen, Pfirsiche, ….“ Ich erwartete nun von Holmes wiederum mit einem seiner nachsichtigen Lächeln bedacht zu werden, doch er war sichtlich zufrieden.

Sehr richtig, geradezu eine Explosion von Fruchtaromen. Wenn man mit sehr sensiblen Empfindungsorganen ausgestattet ist, wird man nicht umhinkönnen, auch Grapefruit, Mandarine und vielleicht einen Hauch Birne, Williams Birne, reife Williams Birne, wahrzunehmen. Und dennoch gibt es noch einen entscheidenden Geruchsaspekt und es erstaunt mich, dass diesen noch keiner von Ihnen erwähnt hat. Ist er doch geradezu entscheidend.

Ich roch weiter, Mrs. Hudson tat es mir gleich. Ganz unbefangen sagte sie: „Es riecht nach der Kreide auf einer nassen Schultafel und auch ein wenig schweflig, so wie Feuerstein, kurz bevor er einen Haufen dürres Gras entzündet.

Sie sind eine wahre Begabung Mrs. Hudson. Oder vielleicht ist auch nur die weibliche Nase besser in der Lage, Gerüche wahrzunehmen. Jedenfalls meistens.
Für die Entschlüsselung allfälliger Rätsel und Fälle kann es mitunter auch auf eine feine Nase ankommen.
“, fügte er noch selbstgefällig hinzu. „Aber auch ich hätte es nicht besser ausdrücken können, meine Liebe.

Nun endlich nahm er einen kleinen Schluck, den er jedoch recht lange im Mund behielt und dort augenscheinlich hin und her wälzte, wie man es mit dem Wasser nach dem Zähneputzen zu tun pflegt. Danach schluckte er ihn vorsichtig hinunter und bat mit einer Handbewegung um Stille. Endlich nahmen auch Mrs. Hudson und ich einen Schluck.

Schreiben Sie, Watson: Weiterhin dominante Fruchtaromen, vor allem Pfirsich und Grapefruit, sehr cremiges Mundgefühl, Salzbutterscotcharoma, feine Säure. Exotisch und doch erdverbunden mit einer Andeutung von Kalkstein.
– Wie lange, lieber Watson, hast Du den Geschmack noch im Mund verspürt?


Nun, ich verspüre ihn noch.

Wie ich vermutete, das ist ein guter, ich bin geneigt zu sagen, ein sehr guter Wein. Es steht wohl außer Frage, dass es sich bei diesem um einen Riesling handelt. Aufgrund seines doch eher kräftigen Eindruckes würde ich seinen Ursprung in Frankreich und nicht in Deutschland sehen und da kommt nur das Elsass infrage.

Ich schrieb eifrig mit und wollte gerade zur Flasche gehen, um Holmes Vermutungen zu verifizieren, als er mich davon abhielt.

Nein, nein, Watson, das hat noch Zeit. Geben Sie uns lieber den nächsten Wein ins Glas, wenn wir dieses hier geleert haben. Danach sollte jeder einen Bissen Brot essen und ein wenig Wasser trinken, um den Mund von den Aromen und Eindrücken des ersten Weines zu säubern.

Wir taten, wie uns geheißen. Mrs. Hudsons Wangen leuchteten schon rosig, der Wein schien ihr gemundet zu haben und ihre Sinne beflügelt.