Verkostungsreise mit Max Gerstl – Burgund 2015

Autor:
Heiner Lobenberg
Heiner ist der Gründer und Chef von Lobenbergs Gute Weine. Als Jäger und Sammler und Wein-Trüffelschwein ist sein Ziel, den Kunden die beste und interessanteste Weinauswahl in Deutschland zu bieten. In seinem Blog erzählt er interessante und schöne Geschichten von großartigen Weinen und Winzern.

Nach meiner Tour durchs Piemont, auf der ich die 2013er Barolo verkostet habe, reise ich nun mit meinem Freund und Lieblings-Schweizer Max Gerstl vom 30. Oktober bis zum 05. November durchs Burgund, um den Jahrgang 2015 zu verkosten. Eine solch faszinierende Region, die neben sich selbst nur wenige Referenzpunkte auf der Weltkarte des Weins hat. Wie Burgund 2015 schmeckt, verschriftliche ich für Sie:

Am Steuer: Roger Maurer (Mitbesitzer von Gerstl Weinselektionen)

2015, das Traum-Weinjahr der Welt! So fein und fruchtbetont im Burgund, wie schon in Bordeaux und an der Rhône. Nase und Mund erinnern in der Seidigkeit der Tanninstruktur an 2012. So unendlich fein und verspielt! Die Tannine sind aber griffiger, geschliffener und zugleich deutlich präsenter, zeigen etwas Schärfe und intensive Mineralik. Die superbe Balance des 2012er wird etwas auf sich warten lassen. 5 bis 10 Jahre Geduld sollte man haben. Die 2015er Frucht ist überbordend, opulent, intensiv aromatisch, mich an 2009 erinnernd. Süß und doch frisch. Diese Kombination von Klassik und Frucht, von Tannin und Säure, von hoher Reife, Feinheit und Zukunftsfähigkeit macht 2015 zu einem großen, komplexen Jahr. Nach der fruchtigen Super-Finesse von 2012 und den zwei großen, sehr klassischen Jahren 2013 und 2014, schließen der komplexe, reife Weltmeister 2015 und der ebenso reife, aber etwas eindimensionalere Kraftjahrgang 2016 diese grandiose Serie perfekt ab.


Dieser junge Wilde aus Marsannay konnte mit der satten Frucht und intensivem Tannin perfekt umgehen. Erst denkt man alles ist so lecker, ready to drink, und dann erst, weit nach der opulenten Frucht, wirken die intensiven Tannine und Säure. Der Bourgogne Rouge sucht seinesgleichen. In Marsannay ist Sylvain mit dem fruchtig vollen Village unschlagbar. Der Montagne und Clos du Roy sind nach dem aus 80 Jahre alten Reben mit 200 Gramm pro Stock (fast direkt am Stamm gewachsen) tragenden Ancestrale die erweiterte Spitze der Appellation. Aus der Lage Clos du Roy kommt auch einer der wenigen Weltklasse-Aligotés – richtig großes, mineralisches Kino! Pataille ist ein Preis-Qualitätswunder im Burgund.


Thierry Mortet

Namensvetter des berühmten Denis, beide aus Gevrey. Der Bourgogne Rouge 2015 platzt vor so viel Erdbeere, Himbeere und heller Kirsche. So klassische Weine aus Gevrey kombiniert mit der fetten Frucht – Weine zwischen Saint Julien und Pauillac. Die sexy Weine aus Chambolle dazu – tänzelnd, wie ein junges Mädchen über die Frühlingswiese mit Sonne im Haar. Und zum Village ein saftig leckerer, dichter 1er Cru Beaux Bruns aus Chambolle Musigny. Thierry Mortet ist ein perfekter Winzer und 2015 ist ein perfektes Jahr. Man muss nicht niederknien aber darf immerfort träumen.


Armand Rousseau

Eines der besten Jahre eines der besten Erzeugers im Traumjahr 2015. Ich krieg nur keinen Wein. Wie schade!


Domaine des Monts Luisants

Nachbar von Ponsot in Morey-Saint-Denis. Nur 3 Hektar sind alte Reben. Alles Handarbeit und 100% mit Rappen und nur mit Füßen gequetscht, auch Pigeage während der Gärung mit Füßen. So unendlich feine und dichte Weine. Der muss sich hinter Ponsot nicht verstecken! Eine großartige Entdeckung!



Domaine Comte Georges de Vogüé

Geniale Weine aus Chambolle, besser als ich hier bisher je probierte. Erstmals auch wieder Musigny Blanc Grand Cru. Dreimal die 100 hier für Musigny, Les Amoureuses und Bonnes Mares. Wie Rousseau: Man muss suchen.


Clos des Lambrays

Superb, hat aber auch keinen Wein für mich.


Superbe Jahre 2012 bis 2014. Von feinen 2012ern bis klassisch in 2014, konzentrierte 2013er. Aber 2015 ist 2012 mit explosiver und hocharomatischer Frucht dazu, ein Hauch Klassik aus 2014 und Konzentration aus 2013. Die vorherigen Jahre sind zum Glück ein jedes superb, aber 2015 ist einfach der komplexe Überflieger, der dazu noch ewig hält.


Tochter Anne und Vater Pierre (früherer Kellermeister von Comtes Lafon und Domaine Leflaive) machen in der Biodynamie nun seit unzähligen Jahren mit die besten Meursaults und Weißweine überhaupt. Aber 2015 gehören auch der – aus der kleinen Nachbarappellation stammende – rote, extrem preiswerte Monteilie und der rote Volnay sowie Pommard mit zur Spitze der Rotweine der Côte de Beaune.


Domaine de Bellene

Der bunte Schmetterling und geniale Weinmacher Nicolas Potel hat hier nun endlich Wurzeln geschlagen, endlich eigene Weinberge und den Kopf frei für nix als Wein. Das Weingut seiner Mutter gerade geerbt. 29 Hektar. Große Rotweine der Côte de Beaune. Domainenweine. (Unter Maison macht er weiter Negoc-Weine aus gekauften Trauben) Zumal im Überjahr 2015. Der einfach Bourgogne, der Côte de Nuits und Volnay, erst recht die Weine aus Vosne-Romanée. Alles unentrappt, grandiose Mineralität aus uralten, zum Teil wurzelechten Reben. Und ein traumhaftes weißes Unikat aus Savigny-lès-Beaune. Schön, dass der geniale Weinmacher Nicolas Potel endlich seine Heimat gefunden hat.


Grandios feine Weine! Der Auxey Duresse besser denn je, unendlich feine und zarte Kirschfrucht. Für den Preis geht's nicht besser. Dazu der köstliche Einstiegs-Pinot-Noir und der runde, vollfruchtige Pommard. Erstmals aus alten, umgepfropften Reben aus Volnay. Auch ein ziemlich perfekter Chardonnay Bourgogne. Agnes Paquet ist der Idealfall eines Einstiegs ins Burgund.


100% Biodynamie, 100% unentrappt, mit Füßen getreten. Spezielle Weine! Wer den Stil schätzt, wird begeistert sein. Die 2014er sind überaus klassisch und langlebig. Wir hatten das Glück 2001 und 2007 rückzuverkosten. Wer die Geduld aufbringt und 10-15 Jahre auf die tanninreichen 14er warten kann, der wird reich belohnt. Nochmal: Nur was für Liebhaber von 101% Natur!


Auch hier 100% Natur und dazu die Perfektion schlechthin. Der Freund und direkte Nachbar der DRC entrappt zu 100% mit einer deutschen Spezialmaschine, die Beeren werden nicht verletzt. Und superb aussortiert, hier ist echt nur das Beste im Holzgärständer. Erst nach einigen Tagen wird ausschließlich per Hand vorsichtig angequetscht. Nach der vorherigen intrazellulären Gärung geht es erst jetzt richtig los. Schon der Bourgogne Rouge ist auf der Höhe mancher Vosne-Romanée Village. Die 1er Cru aus Vosne sind so unendlich fein und fruchtig, die NSG-Weine floral und steinig, schwarzfruchtig, sogar feminin dabei. Mit Clos de Vougeot, Echezeaux und Richebourg drei glasklare 100 Punkte Weine, aber der 1er Suchots und Boudots waren nicht weit dahinter. Jean Grivot darf sich ohne Probleme mit seinem Nachbarn und besten Freund der DRC messen, er ist in der gleichen Liga wie Rousseau. Ich bin stolz mit ihm zu arbeiten.