Walter Massa – Derthona 2015

Autor:
Marc Dröfke
Wein ist für Marc ein Hobby, das er allerdings mehr als ambitioniert betreibt. Woher der Wein dabei genau kommt, ist nicht so wichtig. Er sollte nur seine Herkunft nicht verleugnen. Nebenbei schreibt Marc noch für Originalverkorkt.de.

Italien und Spitzenweißwein. Das ist ein zwiespältiges Thema. Kritische Stimmen behaupten häufig, dass in Italien kein wirklich großer Weißwein erzeugt wird. Nun ist es immer Definitionssache was als Spitzen- bzw. großer Weißwein angesehen wird. Fakt ist jedoch, dass Italiens wahre Ikonen hauptsächlich aus roten Rebsorten gewonnen werden. Fassen wir uns einmal an die eigene Nase: Wer würde auf die Frage hin: „Nennen sie mir einen großen italienischen Wein?“, mit dem Namen eines Weißweins aufwarten? Mir würden auf Anhieb wahrscheinlich zig Rotweine, aber kein Weißwein einfallen. Eigentlich schade, können italienische Weißweine meiner Auffassung nach im internationalen Vergleich durchaus mithalten. Denkt man nur an den legendären Trebbiano von Valentini, dessen Alterungs- und Entwicklungspotential, jenes eines deutschen Großen Gewächses oder einem weißen Burgunder auf Premier-Cru-, ja sogar Grand-Cru-Level locker das Wasser reichen kann. Ob die stilistische Ausprägung einem zusagt, steht auf einem anderen Blatt. Die Qualität aber ist ein Faktor, der nicht diskutabel ist.
Valentini steht sicher an der Spitze, etwas darunter ist es aber nicht minder spannend. Schauen wir etwa nach Sizilien, wo am Ätna in hohen, kühlen Lagen Weine entstehen, die deutlich von Frische und Eleganz geprägt sind, nicht von einer opulenten Frucht, Wumms und hohen Alkoholgraden.

Autochthone Vielfalt

Im Falle Siziliens spielt bspw. die Carricante-Traube eine entscheidende Rolle. Diese autochthone Rebsorte hat sich über Jahrhunderte hinweg an die Gegebenheiten der Umgebung angepasst und liefert dadurch häufig bessere Ergebnisse als erst viel später gepflanzte internationale Rebsorten. Natürlich gibt es Ausnahmen wie den Passobianco von Passopisciaro. Dennoch ist in meinen Augen dieser unheimlich breit gefächerte Strauß an einheimischen Rebsorten der jeweiligen Regionen einer der großen Schätze im italienischen Weinbau.
Auch im Piemont, eine Region, die im Grundsatz nicht für Weiß- sondern Rotwein in Form von Barolo, Barbaresco, Barbera, Dolcetto, etc. bekannt ist, existieren autochthone Weißweine.

Timorasso?

Haben sie schon einmal etwas von Timorasso gehört? Nein? Nicht schlimm, ich bis in den November des letzten Jahres ebenfalls nicht, bis mir Luca Roagna beim Meininger Finest 100 International Wine Summit seine Interpretation dieser Rebsorte ins Glas goss. „I've tried to do it a bit like Massa“, sagte er. Ich hatte keinen blassen Schimmer von wem oder was Roagna da redete, bis mich mein Kollege Markus darüber aufklärte. Kurz: Walter Massa ist der größte Spezialist wenn es sich um diese alte, vergessene Rebsorte handelt. Nahezu sein ganzes Leben hat er seine Energie dieser Traube gewidmet.

Walter Massa – eine lebende Legende

In der Region besitzt Massa einen legendären Ruf. Seine Weine sind Unikate. Speziell mit etwas Kellerreife entwickeln sie ihren ganz eigenen Charakter. Charakter hat auch Walter Massa selbst. Kontakt via Mail? Fehlanzeige. Telefonate? Schwierig zu bekommen. Und wenn dann am besten mit italienischem Übersetzer. Massa ist ein etwas eigenwilliger Kautz, für den der kommerzielle Erfolg nicht an erster Stelle steht. Interessanterweise stammen gerade von solchen, zum Teil etwas schwierigen Charakterköpfen oft Weine mit Ecken und Kanten, die aber immer in ihrer jeweiligen Kategorie ganz oben mitspielen. Massa reiht sich hier nahtlos in die Riege eines Gianfranco Soldera, Beppe Rinaldi sowie des alten Bartolo Mascarello (bereits verstorben) ein.

Keine Mengen

Aber zurück zur Traube. Die Timorasso ist etwa seit dem 15. Jahrhundert bekannt, als sie zum Großteil in dem Gebiet um Tortona angepflanzt wurde. Da der Ertrag eher gering ausfällt wurde sie jedoch peu à peu zugunsten fruchtbarerer Sorten ausgetauscht. Erst Walter Massa gebot im Jahre 1987 dieser Entwicklung Einhalt. Fast zu spät, denn die Timorasso war nahezu von der Bildfläche verschwunden. 1999 wurde eine Erhebung durchgeführt welche ergab, dass der gesamte Rebenbestand an Timorasso sich lediglich auf 51 Hektar Gesamtfläche weltweit erstreckt. Um einen Vergleich zu haben: Deutschlands bekannteste Rebsorte der Riesling kommt auf ca. 50.000 Hektar weltweit.

Derthona – Massas Einstiegswein

Derthona Etikett

Derthona nennt Massa seine Einstiegsdroge in die Welt der Timorasso. Derthona ist der ursprüngliche Name für Tortona, eine Stadt im Südosten des Piemont nachdem die Appellation Colli Tortonesi (Tortoner Berge) benannt ist. Die Trauben für diesen reinsortigen Weißwein stammen aus mehreren Plots rund um Monleale. Der Untergrund ist stark von kalkhaltigem Gestein geprägt.
Massa sagt von seinem Derthona: „Er ist wie Ali. Gleitet durch den Ring wie ein Schmetterling und sticht wie eine Biene“.
Von einem leichten, tänzelnden Wein kann jedoch nicht die Rede sein. Dieser Timorasso hat durchaus Gewicht. Aber der Reihe nach.

Ohne Luft geht gar nichts

Zunächst gibt die Nase nicht viel her. Etwas weißer Pfirsich, Cassis und eine grünliche Note prägen das erste Nasenbild. Dier Wein gehört einige Zeit vor dem Genuss dekantiert, speziell wenn man so ein junges Exemplar (2015) wie ich auf dem Tisch hat. Zusätzlich sind große Burgundergläser keine falsche Idee. Erst nach einer Stunde an der Luft macht dieser noch sehr jugendlich wirkende Timorasso auf. Etwas fleischige gelbe Steinfrucht sowie Salbei, Bittermandel, geröstete Haselnüsse und eine Note von nassem Kalkstein ergänzen das Potpourri dieser vielschichtigen Nase.
Im Mund sticht zunächst die hohe Säure heraus, die sich mit der Zeit und etwas mehr Temperatur immer besser integriert. Dieser Weißwein hat durchaus Gerbstoffe vorzuweisen. Dies resultiert aus dem langen Schalenkontakt von 48-60 Stunden je nach Jahrgang. Mit ordentlich Druck schiebt der Derthona am Mittelgaumen nach vorne (hier ist der Alkohol vielleicht ganz leicht merkbar) und geht daraufhin in ein langes, salziges Finale über. Eine schöne leichte Cremigkeit rundet das Bild hinten raus ab. Auch im Mund ein wahres Chamäleon, dass den Trinker durchaus herausfordert. „Easy drinking“ ist definitiv anders. Durch seine Vielschichtigkeit ist dieser Wein als Essensbegleiter ideal einsetzbar, ja er schreit förmlich nach etwas Fett. Ich hatte ihn zum gegrillten Putensteak. Mit dem Fleisch sowie den zugehörigen Röstaromen wurde er spielend fertig.

Ein wirklich faszinierender Weißwein aus Norditalien, den ich gerne mit etwas mehr Reife nochmals genießen möchte. Ich kann ihn nur jedem Trinker ans Herz legen, der etwas aus seiner Komfortzone herauskommen will. Dieser Wein ist sicher ein guter Startpunkt.