Wie der Mensch, so der Wein!

Autor:
Susanne Werth-Rosarius (✝ 2016)
Susanne liebte Weine und schrieb auch gerne darüber. Ihren Stil bezeichnete sie selbst als „Weinempfehlungen abseits der bekannten Verkostungslyrik“. Wenn man ihr einen Gefallen tun wollte, dann mit einer Flasche „Château Figeac“.

Menschen, so sagt man, sehen mit der Zeit ihren Hunden immer ähnlicher. Oder Hunde ihren Menschen? Wie dem auch sei, die intensive Beschäftigung miteinander führt zu einer sichtbaren Ähnlichkeit.

Das scheint beim Wein nicht anders zu sein. Wie oft lesen wir von der Handschrift des Winzers, an der man seinen Wein von allen anderen unterscheiden kann. Auch wenn man dann genau diesen Wein bei einer Blindprobe doch nicht von den anderen abgrenzen kann. Aber das steht dann wieder auf einem anderen Blatt und zum Thema Blindprobe muss ich auch noch etwas schreiben.

Heute aber geht es um Philippe Cambie.
Philippe Cambie ist Winzer von der südlichen Rhône und gegen ihn sieht Reiner Calmund wie ein schmächtiger Hänfling aus, wenn Sie wissen, was ich meine. Dass Cambie ein Genussmensch ist, steht außer Frage. Nicht nur, weil er immer diese wunderbaren Gerichte aus den hervorragenden Restaurants auf facebook postet, bei denen er es sich gut gehen lässt.

Cambie stammt aus dem Languedoc und obwohl seine Familie dort ein par Hektar Rebfläche bewirtschaftete, studierte er zunächst Lebensmitteltechnologie und arbeitete in diesem Bereich. Später studierte er Önologie in Montpellier. Klingt trocken, nicht wahr? Dass er ein leidenschaftlicher und sehr begabter Rugbyspieler war, ist da schon spannender. Und wer diesen harten Sport kennt, der in Frankreich beliebter ist als Fußball, der weiß, dass das keine Sache für Warmduscher ist. Ausgerechnet durch den Sport lernte er Winzer und Weinmacher kennen und es dauerte nicht lange, da war er als önologischer Berater im Geschäft und hoch angesehen.

Wir überspringen jetzt die nächsten 20 Jahre seines Lebens und befinden uns im Jahre 2004. Philippe Cambie kauft eine kleine, ca. 1,5 ha große Parzelle in der Appellation Plan-de-Dieu bestockt mit alten Grenache- und Mourvèdre-Reben, aus denen er zusammen mit seinem Studienfreund Gilles Ferrand seinen eigenen Wein erzeugt, den Calendal. Immer nur beraten ist eben nur das halbe Vergnügen. Und man muss seinen Kunden ja auch irgendwie zeigen, dass man es drauf hat mit dem Weinmachen.

Und jetzt komme ich zurück zum Anfang meiner Betrachtung – der Calendal ist ein Wein wie Cambie, kräftig, wuchtig, fast massig zu nennen, hedonistisch, und von einer Üppigkeit, die einem beim ersten Riechen am Glas fast den Atem nimmt. Wen nehmen da die 15 vol% Alkohol noch wunder? Aber keine Angst, sie sind wunderbar integriert und fügen sich perfekt in den überwältigenden Gesamteindruck ein.

Der Wein, eine Cuvée aus 80% Mourvèdre und 20% Grenache, ist von undurchsichtigem Schwarzkirschenrot und verströmt ein ganzes Bund von Aromen, von Blau- und Brombeeren, von Bitterschokolade und gerösteten Nüssen und Mandeln. Man will immer noch weiter riechen. Der erste Schluck setzt die Aromenvielfalt fort. Bei aller Kraft, für die vor allem das samtig-üppige Tannin verantwortlich ist, gefällt insbesondere die Ausgewogenheit der Aromen und das samtig klare Mundgefühl. Der Geschmack von reifen Sauerkirschen, Beeren, Bitterschokolade, ein wenig Leder füllen den Mund bis auf die letzte Geschmackspapille.

Philippe Cambie

Mann, ist das ein Wein! Ein Wein wie sein Mensch!

Calendal ist übrigens eine Figur des provenzalischen Heimatdichters und Literaturnobelpreisträgers Fréderic Mistral (1830-1914). Er beschreibt die Geschichte eines mittelalterlichen Helden, Calendau de Cassis, wie der Name in Provenzalischen heißt, un simple pècheur d'anchois, also ein einfacher Sardinenfischer, der das Herz der noblen Esterelle gewinnen will. Wohl deswegen hat Cambie einen Fisch auf dem Etikett der Flasche abgebildet. Und so wie Calendal, oder Calendau, im Laufe der Geschichte zum Mann heranreift, so wird der Wein im Lauf der nächsten 8-10 Jahre zu einem hervorragenden Tropfen reifen, der die ungestüme Frucht seiner Jugend langsam in die balsamischen und gewürzigen Aromen einbindet. Es wird ein Vergnügen sein, ihn dabei zu begleiten.

Und wenn derzeit alle die zarten Rosés und Weißweine als Sommer- und Terrassenweine empfehlen, so empfehle ich einen Calendal zum gegrillten T-Bone-Steak, zur Daube provençal (ein Gericht, das ich immer und bei jedem Wetter essen kann), zum Sommerabend auf der Terrasse, wenn die Hitze des Tages langsam von einem kühlen Windhauch weggeblasen wird.

Die Weine zum Beitrag

(Achtung Folgejahrgang!)

Calendal Cambie, 2014, Frankreich - Rhone - Chateauneuf du Pape
0,75 l
25,27 €/l