Österreich - Eine erstaunliche Reise zurück in die Zukunft...

Autor:
Heiner Lobenberg
Heiner ist der Gründer und Chef von Lobenbergs Gute Weine. Als Jäger und Sammler und Wein-Trüffelschwein ist sein Ziel, den Kunden die beste und interessanteste Weinauswahl in Deutschland zu bieten. In seinem Blog erzählt er interessante und schöne Geschichten von großartigen Weinen und Winzern.

... oder der unaufhaltsame Aufstieg der Blaufränkisch zum autochthonen Superstar und zu einer der weltbesten Rotweinreben.

Freitag, 15. Juni 2018

Ich muss diesen Reise- und Verkostungsbericht chronologisch falsch herum beginnen. Das größte und revolutionärste Geschehen im Weinland Österreich ereignet sich nämlich im Burgenland, und da endete meine Reise.

Weingut Moric

Roland Velich mit seinem Weingut Moric steht ja heute schon als Primus inter Pares der Blaufränkisch und des Burgenlandes im Focus - ein philosophisches Unikat und ein weltweit gefeierter Winzer. Dass er grenzgeniale Weißweine aus überwiegend GV macht, ist vielen Betrachtern eher unbekannt... zu strahlend sind seine großen, überaus eleganten Blaufränkisch. Vom Burgenland BF über Reserve zu Neckenmarkt und Lutzmannsburg, sämtlich qualitative Anführer ihres Preisbereichs, elegant, überaus balanciert und harmonisch, Ruhe und innere Stärke ausstrahlend für ein langes, über die Lagerung immer besser werdendes Leben. Dazu der mit Hannes Schuster zusammen entwickelte und über 4 Jahre im Fass ausgebaute Blaufränkisch Jagini, der Vina Tondonia Gran Reserva des Burgenlandes.

Aber nun, nach über 30 Jahren Entwicklung seiner Weine und seiner Persönlichkeit, hat er die Größe und weise Weitsicht entwickelt, um SEIN Burgenland mitzunehmen auf die Reise zurück in die Zukunft des Burgenlandes und des Karpathen-Beckens. Historisch war ja das Burgenland bis zum ersten Weltkrieg Ungarn und die pannonische Tiefebene war die Wiege des Blaufränkisch, des Furmint und des Tokaji.

Blaufränkisch kam als Vorgänger- und Ur-Rebe sicher ursprünglich weiter aus dem Osten, Georgien vielleicht, aber sie ist seit unzähligen Jahrhunderten autochthon im ursprünglich ungarischen Burgenland zu Hause. Erst später kam sie als Lemberger weiter auch nach Deutschland, wo sie aber zur Zeit noch bei weitem nicht diese Größe und Eleganz entwickelte, zu oft gibt es zu hohe Erträge aus zu jungen Reben und dann die Hinrichtung im neuen Barrique.

Roland Velich

Roland Velichs Entwicklungsprojekt, um die Blaufränkisch und die Region Pannonien auf die weinige Weltkarte zu heben, heißt „Hidden Treasures“. Zur Zeit hat er sieben seiner liebsten und qualitativ besten Winzer eingeladen, um an dem Projekt teilzuhaben. 4 mal Blaufränkisch Burgenland aus den 4 Subzonen von Süd nach Nord (es ehrt ihn, sich selbst da raus zu lassen): von Wachter-Wiesler in Deutsch-Schützen bis Lichtenberger-Gonzales am Leithaberg. Der Start des Projekts erfolgt demnächst mit den extrem guten, noch in den Fässern schlummernden 2017ern. Dazu 3 kommende Superstars aus Ungarn mit Furmint, Riesling und Tokaji. Alle in ihrer Region qualitativer Primus. Sie sind zwar nicht die bekannten Alt-Stars der Region, aber ganz sicher die Zukunft in Qualität und Potenzial. Ich bin von den drei preiswerten, und dabei total unterschiedlichen und ausdrucksstarken, trockenen Weißwein-Unikaten restlos begeistert. Mehr dazu ganz sicher bald in meinem Programm. Alle machen ihren Wein in enger Abstimmung mit Roland selbst, dabei aufs äußerste regionstypisch, zukunftsweisend und qualitativ äußerstmöglich hochwertig. Es gibt jeweils nur um die 1000 Flaschen der Burgenländer und 10 Tsd. der Ungarn. Offen ist das Projekt nur noch für wenige Teilnehmer aus Tschechien und der Slowakei, das pannonische Becken ist ja nicht unendlich groß. Nur die Besten und Repräsentativsten sollen mit diesem Moric-Projekt als Gruppe großer, aber durchaus bezahlbarer Weine, Pannonien, das Burgenland und die Rebe Blaufränkisch wieder zur Weltgeltung bringen. „Zurück in die Zukunft“ eben!

Alle Etiketten des Hidden Treasures Projekt

Donnerstag, 14. Juni 2018

Jetzt kann es chronologisch rückwärts gehen, denn ohne von dem Projekt Hidden Treasures zu wissen, war ich am Tag vor meinem Besuch von Roland Velichs Moric Donnerstags bei Lichtenberger-Gonzales und Wachter-Wiesler. Geniale 2017er probierten wir aus dem Fass.

Adriana Gonzales

Lichtenberger Gonzalez

Zwei Stunden Zeit nahm Adriana Gonzales sich, um uns die verschiedenen Terroirs des Leithagebirges zu zeigen. Von Muschelkalk zu grünem Schiefer. Dieses winzige Bio-Weingut, das sich aber auf gar keinen Fall in eine bestimmte Bio-Richtung einengen lassen will, ist ja mit 8 Hektar, unter 30 Tsd. Flaschen und erst wenigen Jahren Existenz erst am Beginn einer großen Karriere. Die aber sicher kommt! Adriana arbeitete bisher als Kellermeisterin bei Birgit Braunstein, Martin Lichtenberger ist Kellermeister im schon arrivierten Biodyn-Weingut Gernot Heinrich. Beide lernten sich im kalifornischen Praktikum kennen und lieben. Diese jungen Sympathieträger sind inzwischen in ihrem winzigen Dorf Breitenbrunn am Neusiedlersee extrem beliebt und anerkannt, immer öfter werden ihnen nun winzige Top-Rebflächen Leithaberg und Edelgraben der früher misstrauischen Nachbarn angeboten. Riesiges Potenzial hier!

Christoph Wachter

Wachter-Wiesler

Der immer noch jugendliche (29 Jahre) Christoph Wachter führt das ebenfalls auf kein Verfahren festgelegtes Bioweingut der Familie Wachter schon seit fast 10 Jahren, das glaubt man kaum. Der Papa ist als Bürgermeister der Region Eisenberg/Deutsch-Schützen vollbeschäftigt, Christoph musste früh übernehmen. 20 Hektar am Eisenberg und in Deutsch-Schützen, unterschiedliche Böden, Kalkstein, Vulkanboden, Sand und Lehm, sämtlich große Terroirs und berühmte Lagen. Aber das Weingut bleibt klein, unter 100 Tsd. Flaschen. Wachstum nur in der Qualität, nicht in der Quantität. Für mich persönlich schon jetzt einer der Allerbesten, und in der Zukunft wohl einer der qualitativen Superstars neben Moric im Bereich der Blaufränkisch. Christoph ist ein jugendliches Genie! Hier ist soooo unglaublich viel großartige Zukunft schon ganz sicher absehbar!

Wachter Wiesler Keller

Mittwoch, 13. Juni 2018

Break! Gebietswechsel!

Peter Veyder-Malberg

Veyder-Malberg

Eine Nacht bei meinem Freund und Wachauer Lieblingswinzer Peter Veyder-Malberg. Sein neu gebautes Haus nebst Keller liegt auf einer steilen Terrasse inmitten des schönsten Teils der Weinberge. Atemberaubend. Ein Salzburger mit historischen, adeligen Wurzeln in der deutschen Eifel. DER Verfechter der eleganten und botrytisfreien Weine der Wachau zusammen mit dem genialen Nikolaihof. Ein neuer Winzlingswinzer, Harm, den ich wohl aufnehmen werde, pirscht sich vielleicht bald mit ähnlicher Stilistik heran. Das soll den altvorderen Superstars um Pichler, Knoll, Hirtzberger und Prager keinen Abbruch tun, riesige Weine im Alter, einfach ein üppiger und ganz anderer Stil, jeder möge das selbst für sich entscheiden.

Veyder-Malberg

Ein großes feines, frisches und zugleich weißfruchtig reifes Jahr 2017 begeistert mich bei der Probe. Der blitzgescheite, intelligente, philosophische Peter Veyder-Malberg ist für mich, zusammen mit dem Nikolaihof, in meiner deutsch geprägten, stilistischen Vorliebe für saubere Finesse, unangefochtene meine Nummer 1 der Wachau, wenn man denn elegante, klare und blitzsaubere Weine mit fruchtbetonter Reinheit und Ausdrucksstärke sucht. Peter ist in seiner Weindefinition eine Art Roland Velich der Wachau, wenn auch mit weniger innerem Sendungsauftrag.

Karl Alphart

Alphart

Am Nachmittag des Mittwochs waren wir beim Großmeister der Rotgipfler, einer zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus rotem Traminer und rotem Veltliner entstandenen autochthonen Rebsorte der südlich von Wien gelegenen Thermenregion. Alphart macht nicht nur wuchtige Powerweine daraus, mit Eleganz und Ausdrucksstärke erzeugt er auch unikathafte, große, langlebige Weine. Stand-Alone’s! Demnächst werde ich aber auch einen Lagen-Chardonnay von ihm aufnehmen, blitzsauber und sehr einzig in seinem kühlen Stil vom Muschelkalk... fast ein wenig an ausdrucksstarke Weine aus dem Jura erinnernd. Ich bin begeistert!

Vinothek Alphart

Weingut Werlitsch

Der ganze Mittwochmorgen aber gehörte DEM Bio-Winzer Österreichs schlechthin. Ewald Tscheppe, Weingut Werlitsch, Südsteiermark, Leutschach. 5 Hektar Weinberg und eine Idylle, wie man sie selbst im Hobbitland von Mittelerde nicht schöner finden könnte. Alle Nachbarweingüter in diesem kleinen Tal, inklusive seines Bruders, schaffen biologisch oder biodynamisch. Hier im Tal gibt es eine unendliche Arten-Vielfalt und eine so reiche und gesunde Natur, wie man es sich nur erträumen kann.

Ewald Tscheppe

Ewalds Weinberg zieht sich von seinem tief unten im Tal gelegen Wohnhaus und Keller in einem einzigen langen Hang hoch bis auf die Bergkuppe. Steirische Muschelkalkböden über 200 Höhenmeter. Opok nennt er das. Morillon und Sauvignon Blanc. Auch reinsortig und sehr sauber definiert ausgebaut. In manchen Jahren auch beide zusammen mit Traminer und gelbem Muskateller und Welschriesling zum spannenden „Drei Generationen“ komponiert.

Sein Faible und Paradeausdruck seines Weinbergs ist aber die Cuvée Ex Vero. Sehr alte Reben. Der unterste, wärmste und reichhaltigste Bodenabschnitt ergibt zusammen mit einigen flachen Terrassenabschnitten des mittleren Bereichs den Ex Vero I. Je höher man kommt wird der Wein eleganter. Der Gipfel der Finesse liegt im Ex Vero III. Karg und kühl ist es oben auf dem Berghang. Ewalds Weinen sollte man Zeit geben, ich konnte gerade bei meinem Besuch noch late released 2007 (4 Jahre im Fass auf der Hefe) und 2006 Ex Vero mit langem Flaschenlager nachkaufen. Je mehr Zeit sie seinen Weinen geben, um so mehr werden Sie verzaubert von reiner Natur.

Erwähnen sollte ich noch, dass Werlitsch mit „Glück“ und mit „Freude“, beide in einer Tonflasche abgefüllt, noch zwei Weißweine aus Maischegärung anbietet. Nicht mein Ding, für mich ist die Frucht und deren Abdruck etwas auf der Schale hingerichtet. Dieser Reise in die Zeit von Mittelerde verweigere ich mich geschmacklich. Orange-Wein gelingt eben nur selten ohne die Frucht total zu maskieren. Jörn Goziewski im Rheingau schafft das meistens sehr schön, Roxanich aus Kroatien bei einigen Weinen, und meine Winzer Pheasants Tears und Tsikhelishvili aus Georgien in der Jahrtausend-Erfahrung der Queries, in der Erde vergrabene Amphoren. Aber auch bei denen bleibt es ein Tanz auf der Rasierklinge.

Dienstag, 12. Juni 2018

Alexander und Willi Sattler

Sattlerhof

Dienstagabend war mein erster Besuch auf dem Sattlerhof. Idyllische Südsteiermark, 40 Hektar, nur 10 km von Werlitsch und seinem Paradies entfernt. Verschiedene Terroirs, von Muschelkalk bis Eisen und Lehm und grüner Schiefer. Extreme Steillagen und verschiedene Höhen, viele Amphitheaterlagen von 250 bis 450 Meter über NN. Insgesamt dennoch kühle Stilistik, aber weicher runder Schmelz über langes Hefelager. Reduktiv, bis auf die im Holz ausgebauten „Privat“ und „Fassreserve“ Weine kommt alles nur in Stahl. Dennoch körperreiche und ausdrucksstarke Weine mit Eleganz, Kraft und erstaunlicher Reichhaltigkeit und Fülle. Weltklasse im Sauvignon und Weißburgunder. Im Weißburgunder ist er womöglich der weltbeste Interpret dieser Rebsorte überhaupt, im Morillon und Sauvignon teilt er sich mit Tement regelmäßig die ersten Plätze Österreichs. Aber der Sattlerhof ist, trotz Reduktion, im deutlich fülligeren und schmelzigeren Zug immer ganz anders als Tements, trotz des oxidativen Holzausbaus, Super-Eleganz und Finesse.

Sattlerhof
Armin Tement

Tement

Tement, eine Legende, 100 Hektar Muschelkalk an der Grenze zu Slowenien. Auch Weinberge in Slowenien, denn die beste Lage Zieregg, auf der auch das supermoderne Weingut tief in den Berg getrieben ist, geht nahtlos weiter ins Nachbarland. Manfred Tement war nach der Öffnung weise und schnell genug, sich diese Weinberge zu sichern. Überhaupt der Weinberg! Zieregg war der zweite große Clou hier. Hochlagen, alte Reben. Der Großvater fing aber auf dem Grassnitzberg, der anderen berühmten Lage der Familie, an. Zieregg kam erst später dazu.

Stichwort Familie. Neben Lage, Exposition, Muschelkalk und kühler Höhe ist die Familie der nächste, vielleicht sogar entscheidendste Parameter der genialen Sauvignons und des extraterrestrischen Erfolgs der Weine. Tement ist heute ein Synonym für blitzsaubere, elegante und mineralische Weine der Steiermark, ein Synonym für die besten Sauvignon Blanc der Welt überhaupt. Der schon legendäre, aber noch jugendlich wirkende (57) Vater Manfred ist weiter verantwortlich für die akribische Arbeit in den Weinbergen. Hier entstehen die großen Weine! Die Söhne, allen voran der junge Armin (32) und seine für den Kommerz verantwortliche Frau Monika entscheiden über alles, was im Keller in unzähligen Holzfässern aus dem genialen Lesegut gemacht wird, und wie dann die weltweite Distribution erfolgt. Tement ist ein großes Weingut, aber jeder Wein entsteht im Weinberg und Natursteinkeller so individuell und umsorgt, als seien wir bei einem grandiosen Winzlings-Weingut. Chapeau Familie Tement!

Monika Tement

9. bis 11. Juni 2018

Bevor unsere kleine Reise bei Tement am Dienstag begann, waren wir noch auf der 3 tägigen VieVinum Messe in Wien. Die nachmittags auch für das Publikum offene, umfassendste und genialste Weinmesse des Landes, in einer der tollsten Städte der Welt, zeigt alles, sie allein ist die Reise wert. Aber voll, Wuhling, keine intensiven Gespräche sind möglich. Also lieber zusätzlich einige Tage Reise dranhängen.