Unterschätzen wir das Beaujolais?

Autor:
Thiemo Kausch
Thiemo ist Leiter des Marketing bei Lobenbergs GUTE WEINE. Ab und zu verlässt er das Büro, um mit Geschichten, Bildern und Videos für den Blog zurückzukommen.

Das Beaujolais erstreckt sich auf 23.000 Hektar zwischen Lyon und Mâcon und ist damit im äußersten Süden des legendären Burgund verortet. Und dennoch kämpft das 55 km lange und 15 km breite Anbaugebiet um Anerkennung: Denn anders als beim Macon und Pouilly-Fuissé zählen viele Betrachter das Beaujolais irrtümlich nicht mehr zum Burgund. 

Auch deshalb gilt das Beaujolauis, wenn man Weinexperten aus aller Welt fragt, als die unterschätzteste Weinregion. Und das, obwohl man aus vielen historischen Verkostungen weiß, dass die Lagen und Crus dieses Gebietes Jahrzehnte lang zur Höchstform weiterreifen können. Bei Blindverkostungen schlägt nicht selten ein Moulin a Vent nach Jahrzehnten viele Weine aus Gevrey Chambertin oder Vosne Romanée. 

Es sind aber auch zum Teil selbstverschuldete Gründe, warum das Beaujolais nicht die verdiente Anerkennung erhält. Dazu gehören unter anderem auch hier die Massenerzeuger, die nur auf das schnelle Geld schielen und mit ihren viel zu jungen Beaujolais Noveau und unmöglichen Preisen unter fünf Euro ebenfalls zu einem nicht besonders guten Ruf beitragen.

Deshalb ist es an der Zeit, folgende Frage zu stellen: Was kann das qualitativ hochwertige Beaujolais der Crus und Lagen wirklich? Was zeichnet ihn aus? 

Die Antwort darauf lautet früher wie heute: Traumhafte Weine mit zum Teil beachtlichem Entwicklungs- und Lagerpotenzial.

Beaujolais is so underrated. - Gary Vaynerchuk

Die Rebsorte Gamay

Gamay vs. Pinot Noir

Wenn im restlichen Burgund überwiegend Pinot Noir angepflanzt wird, ist das Beaujolais fest mit der Gamay-Traube verbunden. Diese bringt vor allem extrem fruchtige Rotweine hervor. Aufgrund der eher moderaten Säure und den seidigen Tanninen können die Weine oft auch schon jung getrunken werden. Die Crus können aber auch gerne mal Jahrzehnte lang im Keller darauf warten, dass sie ihre unverkennbare Note entwickeln.

Was die wenigsten wissen: Es war Philipp der Kühne, Herzog von Burgund, der bereits im 13. Jahrhundert den Weinbau im Burgund entscheidend geprägt hat, indem er den Anbau der zugänglicheren Gamay überall außer im Beaujolais untersagte. Wer weiß, welche großen Burgunder die Weinwelt sonst ohne diese Entscheidung verpasst hätte!

So profitierten aber beide davon: Die Pinot Noir wurde mit dem Burgund zu einem Superstar der Weinwelt. Die Gamay hingegen hat sich – eingeschränkt durch das herzogliche Dekret – auf den Granitböden des Beaujolais besser entfaltet, als es auf den Kalksteinböden der Côte-d’Or möglich gewesen wäre. Das Ergebnis ist somit die optimale Adaption zweier Reben auf das jeweils perfekte Terroir.

Der Beaujolais gedeiht dort am besten, wo er auf Granit beißt. - Sprichwort

Macération carbonique – Der Schlüssel zur perfekten Frucht

Bereits seit dem 19. Jahrhundert ist bekannt, dass auch unverletzte Beeren ohne Hefe in einen Gärprozess gelangen, wenn man ihnen den Sauerstoff entzieht. Der deutsche Begriff dazu lautet: Kohlensäuremaischung. Der Entdecker Louis Pasteur bezeichnete den Prozess als intrazelluläre Gärung.Dabei wird das Lesegut möglichst unbeschadet in einem Edelstahltank gelagert, welcher anschließend mit Kohlenstoffdioxid gefüllt wird, um den vorhandenen Sauerstoff zu verdrängen. Durch die nun stattfindende Gärung im Zellfleisch der Beere entstehen jedoch nur bis zu zwei Prozent Alkohol, weshalb im Anschluss ein normaler Gärprozess mit Hefe und gemahlenen Beeren folgt. Diese besondere Art der Gärung sorgt für den typischen fruchtbetonten, leichten und tanninarmen Geschmack, für den das Beaujolais bekannt ist.

Beaujolais Weinberg Brouilly
Brouilly

Im Immobiliengeschäft und im Wein gilt: Lage, Lage, Lage

Weinkarte des Beaujolais - Klicken zum vergrößern

Moulin-à-Vent, Fleurie, Morgon, Brouilly, Côte de Brouilly, St-Amour, Chiroubles, Juliénas, Chénas. Das sind in dieser Reihenfolge genau die Namen, nach denen Sie Ausschau halten sollten, wenn Sie die Weinschätze des Beaujolais kennenlernen möchten. 

Diese bilden die Crus der Weinregion und dürfen, anders als im restlichen Beaujolais, ihre Weinflaschen mit der Appellation „Bourgogne“ etikettieren. Sie alle liegen im nördlichen Teil des Beaujolais und gedeihen auf Granit, Schiefer oder vulkanischen Böden. Hier entstehen die besonders kräftigen, gehaltvollen Weine, die durchaus großes Reifepotential aufweisen.

Most of the top wines I tasted will be better in one to three years from now. The bottle age will resolve some of the angular edges of the tannins. Waiting for cru Beaujolais to develop is a novel idea for most, but it’s worth it. I tasted numerous aged bottles during my trip and nearly all were still fresh and delicious. They take on a more pinot noir character with six-plus years in the bottle. Tertiary fruit aromas and undertones of dried fruits, spice and forest flowers come into view. – James Suckling

Weinberg in Fleurie

So schmeckt Beaujolais Cru - Eine köstliche Leseprobe

Heiner Lobenberg: Wir haben hier eine unglaublich dichte, konzentrierte und fokussierte Sauerkirsche pur, die sich durchzieht. Schwarze Kirsche, dazu tolle Krautwürzigkeit, die aber von der immensen Frucht durchaus zurückgedrängt wird. Wir haben Lorbeer, Assam-Tee, schwarze Oliven, auch Veilchen. Das ist schon ein durchaus dichter Burgunder. Auch im Mund zeigt dieser Wein diese wunderbare Spannung. Das Dreieck aus Säure, Frucht und Mineralität ist extrem gut gelungen. Der Wein tänzelt und hat trotzdem Dichte, Dynamik und vor allen Dingen viel Energie und Spannung. Toller Moulin à Vent.


Antonio Galloni: Deep ruby. Vibrant red berry, cherry and blood orange aromas are complicated by exotic suggestions of potpourri and incense. Sappy and sharply focused, offering palate-staining raspberry preserve, bitter cherry and lavender pastille flavors that show outstanding definition and depth. Silky tannins sneak up slowly, adding shape and gentle grip to an extremely long, floral-dominated finish.


James Suckling: Deep, sappy and dark cherries and berries on the nose here. This has a very elegant, polished and even shape, as well as a nice, smooth tannin build. Drink now or hold for up to five years.

Weinberg Beaujolais Moulin-à-Vent
Moulin-à-Vent

Der Delikatessenladen hinter dem Supermarkt

Im Beaujolais entstehen großartige Weine. Man muss nur wissen, wo man sie findet. 

Die teuersten Weine der Crus aus dem Beaujolais kosten bei uns um die 20 Euro, los geht es bei etwa zwölf Euro. Dafür bekommt man echte Delikatessen aus einer spannenden Rebsorte, die sonst nirgendwo in dieser Art vinifiziert werden. Die Jahrgänge 15 und 16 sind jetzt sehr gut trinkbar. Sie können jedoch auch gerne noch fünf bis 20 Jahre damit warten. 

Ich mache beides – und kann beides uneingeschränkt empfehlen.