Unterwegs im Burgund: Der Jahrgang 2014 Teil II

Autor:
Markus Budai
Markus Budai ist studierter Weinbetriebswirt und war einige Jahre Teil von Lobenbergs GUTE WEINE. Das Burgund und die Champagne haben es ihm besonders angetan. In unserem Blog berichtet er direkt von seinen Verkostungsreisen sowie ganz besonderen Entdeckungen.

Kaum eine andere Region übt eine derartige Faszination aus wie das Burgund. Hier, besonders im Herzen der Region, der Côte d’Or entstehen immer noch Weine an denen sich Winzer aus aller Welt orientieren. Pinot Noir und Chardonnay, die Bödenvielfalt und das Kleinklima sind die ausschlaggebenden Faktoren. Für die ganz große Bühne bedarf es aber noch der Signatur des Winzers. Denn bei aller Liebe zu den mythenhaften Lagen wie Musigny, Chambertin, Romanée-Conti und Co. sei gesagt, dass mit einer lieblosen Umsetzung des Lagenpotenzials sämtliche Qualität verloren geht.

Im April habe ich unsere Winzer besucht um mir einen Eindruck vom Jahrgang 2014 zu verschaffen. Ich berichtete bereits von meiner Reise entlang der Côte de Nuits und durch das Chablis, und gab eine Jahrgangseinschätzung. Nun geht es weiter mit den Besuchen an der Côte de Beaune, die mehrheitlich vom Chardonnay geprägt ist. Bekannte Gemeinden sind Pommard, Puligny-Montrachet, Chassagne-Montrachet, Meursault und Volnay.

Côte de Beaune

Die Domaine Tollot-Beaut ist quasi am Übergang von der Côte de Nuits zur Côte de Beaune gelegen. Sie befindet sich in Chorey-les-Beaune, wenige Kilometer von Beaune entfernt. Das Weingut hat exzellente Parzellen im Grand Cru Corton und Corton-Charlemagne, außerdem Lagen in Chorey-les-Beaune, Aloxe-Corton und Savigny-lès-Beaune. Die Mehrheit ist hier noch Pinot Noir. Tollot-Beaut befindet sich seit Ende des 19. Jahrhunderts im Familienbesitz. Ein Weingut von 25 Hektar, davon sechs Hektar in Chorey-les-Beaune. Nathalie Tollot ist das Gesicht der Domaine. Sie kann mich an dem Tag leider nicht persönlich empfangen, da sie auf einer Beerdigung ist. Aber die Weine sprechen auch so für sich. Der Stil ist sehr markant. Die extrem niedrigen Erträge aus organischem Weinbau bringen sehr körperreiche Weine von großer Aromenfülle. Geringe Erträge, Spontanvergärung mit anschließender Maischestandzeit, Malo im überwiegend gebrauchten Barrique, Ausbau fast 2 Jahre auf der Feinhefe, keine Bâtonnage, keine Filtrierung. Das ist der gutseigene Stil. Tollot-Beaut ist ein Weingut mit hoher Konstanz, die sich mit Preiswürdigkeit verbindet. In den letzten Jahren ist das rar geworden im Burgund. Auch die besten Weine sind immer noch verhältnismäßig erschwinglich. Daher ist Tollot-Beaut eine wunderbare Einstiegsdroge in die Welt der Burgunder! Was mit dem Jahrgang 2014 als Novum hinzukommt, ist der Einsatz einer optischen Sortiermaschine. Das gibt den Weinen nochmals mehr Präzision und Eleganz. 2014 wurde zudem komplett entrappt. Das unterstützt die Weine ebenfalls in ihrer zarteren Struktur. Der Bourgogne Rouge ist immer eine Bank. Knackig rot, frisch, ätherisch und würzig. Immer zugänglich und delikat. Ein Franzose würde sagen: „Un joli jus!“. Wunderbar ist auch der Chorey-les-Beaune „Piece du Chapitre“ – das ist eine Monopollage von Tollot-Beaut. Der Weinberg liegt direkt neben Aloxe-Corton, ein sehr sanft abfallender Hügel Richtung Süden. Die Weinberge sind über 60 Jahre alt. Seit 2001 hat Tollot-Beaut diese Lage im absoluten Alleinbesitz und Alleinvinifikation. Der Corton-Charlemagne zeigt dann, wie gut Tollot-Beaut auch mit der Chardonnay-Traube umgehen kann. Ein Weißweinmonolith für Jahrzehnte gemacht!

Danach zieht es mich weiter nach Volnay. Mir steht einer meiner persönlichen Lieblingstermine bevor: Es geht zur Domaine Marquis d’Angerville. Das ist DER Name in Volnay, und weit über Volnay hinaus einer der schönsten Erzeuger des Burgunds. Bei der Appellation Volnay zucken die Winzer im Burgund alle zusammen. Denn die Gemeinde ist in den letzten Jahren von keinem Hagel verschont geblieben. Die direkt am Haus angrenzende Monopollage „Clos des Ducs“ traf es so stark, dass man im Jahrgang 2012 nur in Magnums abfüllte. Zwischen 2011 und 2013 erwirtschaftete man die durchschnittliche Ernte eines Jahrgangs. Guillaume d’Angerville führt den legendären Familienbetrieb in neuster Generation fort. Verantwortlich für die Weine ist Francois Duvivier – ein wunderbar bodenständiger Kellermeister. Die Domaine stellte 2006 auf biodynamische Bewirtschaftung um und drehte so die Qualitätsschraube nochmals weiter. Die Vinfikation ist sehr minimalistisch gehalten. Der Pinot wird komplett entrappt. In allen 1er Crus liegt der Neuholzanteil bei lediglich 20%. 2014 habe ich eine gigantische Kollektion verkosten dürfen – eines meiner Highlights, auch im Kontext der Domaine. Der zarte, fruchtige Jahrgang steht Volnay perfekt. Die Tannine sind nicht zu schneidend. Normalerweise sind die Weine in der Jugend extrem sehnig und abweisend. 2014 strahlen sie jetzt schon. Alles wird dominiert von der Frische, einer zarten Textur und einem wunderbaren Spannungsaufbau am Gaumen. Fremiets ist klassischerweise der kräftigste Wein im Portfolio, auch der rustikalste. Caillerets hat einen knackigen Säurekick im Abgang, ist ganz groß! Taillepieds wurde stellenweise neu bepflanzt, da die 60-jährigen Reben müde waren und kaum Ertrag lieferten. Die Menge ist daher enorm gering – wir bekommen kaum Flaschen. Aber das ist wirklich ein fantastischer Stoff voll saftiger Frucht. Über den Clos des Ducs sollte man, wenn man eine Flasche sein Eigen nennen darf, in den ersten zehn Jahren kaum nachdenken. Das ist einer der langlebigsten Weine des Burgunds. Er braucht immer am meisten Zeit. Selbst der 1999er war vor zwei Jahren noch jugendlich und beeindruckt ob seiner athletischen Art. Der Meursault-Santenots ist immer ein schöner weißer Burgunder, mir persönlich aber etwas zu ausladend und fruchtbetont. Die Stärke liegt bei den Pinots. Und deren Exzellenz zweifelt keiner an.

Ein weiteres Highlight versüßt mir den Tag. Es geht nach Meursault. Dieses Dorf grenzt direkt an Volnay. Beide Gemeinden haben die Eigenheit keine Grand Crus zu besitzen. Und beide haben zweifelsfrei 1er Cru-Lagen deren Exzellenz niemand in Frage stellt. In Volnay ist es der Caillerets und der Clos des Ducs, in Meursault dann Charmes und Perrières. Ich besuche Anne Morey, die langjährige Frau von Pierre. Die beiden fertigen einige der feinsten Meursaults, die es gibt – mit Sicherheit Top 5 im Burgund. Leider sind die Mengen wegen Hagel und eben auch der hohen Nachfrage nahezu homöopathisch. Wie krass sich das Burgund verändern musste, zeigt auch die Präsentation der Weine. Anne benutzt ab Hof das Coravin, mit dem sie alle Weine angezapft hat. Nur so kann sie ihren Besuchern, Händlern und Journalisten das Portfolio zugänglich machen. Bei den geringen Mengen wäre es einfach zu schade bei jedem Besuch eine neue Flasche zu öffnen. Dafür bekomme ich eindrucksvoll präsentiert, wie gut die Weine reifen. Es geht runter bis zum Meursault-Perrières 2005 und Meursault-Charmes 2008. Weine die kommentarlos beweisen warum ein Meursault zu den feinsten Weißweinen der Welt zählt. Wer sich etwas mehr mit dem Burgund befasst hat, wird vielleicht wissen, dass Pierre Morey kein Unbekannter der Region ist. Er war der Kellermeister bei Leflaive und maßgeblich verantwortlich für die biodynamische Bewirtschaftung. Auch für Comtes Lafon war er Weinbergsdirektor. Den biodynamischen Ansatz nahm er auf seine eigene Domaine mit und erzeugt heute Meursaults, die zu den subtilsten zählen. Sie sind weniger buttrig und fett, sondern zart und elegant. Überzeugt haben mich auch die Rotweine, der Monthelie und natürlich der Grands Epenots aus Pommard, jener legendären Lage. Letzterer fällt enorm elegant aus, ist die Lage doch eher maskulin und rustikal in der Jugend. Auch der Aligoté kann überzeugen. Diese Rebsorte erfährt in letzter Zeit dank Winzer wie Sylvain Pataille enormen Aufschwung. Das sind nicht nur wunderbare Aperitifweine, sondern auch komplexe aber leichtfüßige Erzeugnisse, die exzellent reifen können, sofern sie anspruchsvoll ausgebaut wurden.

Mein letzter Termin an der Côte d’Or ist bei Marc Morey. Die Domaine ist im Herzen Chassagne-Montrachets gelegen. Lagen hat man aber sowohl in Chassagne als auch in Puligny. Das ist wieder ein extrem sympathischer, kleiner Betrieb, der zweifelsfrei erklärt was die so große Beliebtheit der Burgunderwinzer ausmacht. Sie sind im Herzen Winzer und Genussmenschen geblieben, offenherzig und warm, und bei aller Größe der Weine bescheiden. Das Weingut existiert seit 1919. Bernard Mollard, der Schwiegersohn Marc Moreys, zeichnete verantwortlich für die Weine. Mollard ist auch der Aufstieg in die Oberliga zu verdanken, der erst zu Beginn der 90er-Jahre erfolgte. Nun führt seine Tochter Sabine das 9 Hektar kleine Weingut fort. Die sympathische Winzerin hat eine glasklare Vorstellung vom Weinstil. Man unternimmt höchste Anstrengungen um die Appellationen und Jahrgangstypizitäten herauszuarbeiten. Alle Weine sind sehr fein, delikat und nuanciert. Merkmale des Stils sind wenig Holz und keine buttrigen Noten. Alles bleibt auf der Finesse und Frische. Die Vergärung findet thermoreguliert statt. Soutirage, also das Abstechen von der Hefe findet nach nur 9 Monaten statt, das reicht den Weinen und erhält ihre Filigranität. Trotzdem praktiziert Sabine regelmäßige Bâtonnage, auch in kräftigen Jahren wie 2015. Die Weine landen dann dezent filtriert in der Flasche. Ihre Chassagnes sind herrlich delikate, weißfruchtige und zarte Chardonnays; die Pulignys immer etwas kräftiger und komprimierter. Bei beiden ist der Holzeinsatz exzellent. Ihr Chassagne-Montrachet 1er Cru En Virondot hat eine attraktive Fenchelwürzigkeit mit Blüten- und Haselnussbouquet. Am Gaumen ist er saftig und ausgeglichen, hat eine in sich ruhende, feine vibrierende Säure, die den Wein nach hinten raus verlängert. Alles bleibt delikat und fein – der Wein hallt wellenförmig nach. Wunderbar aus 2014 ist ihr Puligny-Montrachet 1er Cru Referts. Er Liegt aromatisch zwischen Puligny und Meursault, auch geographisch. Er wird aber noch getoppt! Der Puligny-Montrachet 1er Cru Les Pucelles stammt aus legendärer 1er-Cru-Lage – vielleicht der feinste Puligny im 1er-Cru-Bereich. Der Wein hat ein subtiles Bouquet: zart Pfirsich, Popcorn, Kalknoten. Am Gaumen ist der Wein fein würzig, rauchig, lang, auf der saftigen Frucht. Er hallt minutenlang nach mit seiner leicht duftigen Rauchnote, klärt den Gaumen, erfrischt ihn.


Im nächsten Teil geht es ins Mâconnais, wo ich bei Robert Denogent auf eine Busgruppe Pariser Jungsommeliers treffe, und ganz in den Süden ins Beaujolais, zum urwitzigen Altmeister der Domaine du Vissox.